Erster geschichtlicher Teil
Diese Pest am Ausgang des 18. Jahrhunderts hat noch einmal
gewaltige Menschenopfer gekostet. Sie hat aber auch sehr störend
auf das Wirtschaftsleben in Stadt und Land gewirkt. Alle Beziehungen
zu den verseuchten Orten wurden gelöst; als die Pest in
Polen im Jahre 1708 ausgebrochen war, wurden von Preußen aus
alle dahinführenden Brücken auf den Landstraßen abgebrochen, man
sperrte die Wege mit spanischen Reitern und Schlagbäumen und
als die Pest auch in Königsberg ihren Einzug hielt, da wurde nicht nur
Jen Krämern und Handwerkern der Besuch aller auswärtigen Märkte
und Messen verboten, jeder Verkehr nach außen war auch von
Truppen, welche die Straßen besetzt hielten, unmöglich gemacht.
Damals hat die Stadt ein Viertel ihrer Einwohner durch die Seuche
verloren. Mitte November 1709 „wurde Königsberg mit doppelten,
hölzernen Schranken, an denen die Landmiliz Posten faßte, rings
umzogen. Niemand durfte ein-, noch auspassieren. Den Land-(euten
wurden die zum Verkauf gebrachten Produkte abgenommen
und auf über die Schranken gelegten Brettern den Städtern zugeschoben,
die auf eben diese Waren ... feilbieten mußten“ !).
Das sei nur ein Anhaltspunkt dafür, wie ungünstig auch in dieser
Zeit noch die Seuchen das Volkswachtum und die ganze wirtschaftliche
Lage beeinflußt haben.
Aber neben den Seuchen haben auch noch während des ganzen
18. Jahrhunderts Mißernten schwerster Art immer wieder Not
und temporäre Übervölkerungserscheinungen hervorgerufen.
Zwar hatte der Getreidehandel und Getreideverkehr große Fortschritte
gemacht, auch die territoriale und städtische Kornmagazinpolitik
hatte in dieser Hinsicht vieles gebessert. Schon Friedrich
Wilhelm LI hatte in Preußen 21 Getreidemagazine angelegt,
lie eine Million Scheffel Roggen fassen konnten. Aber all das war
dei den damaligen Verkehrsverhältnissen noch nicht genügend, die
schlimmen Wirkungen von Mißernten auszugleichen. Es genügt, die
Preisschwankungen dieser Zeit zu beobachten, um das Gesagte ohne
weiteres einzusehen, am 27. Juli 1658 kostete ein Dresdener
Scheffel Roggen 2,10 M., am 6. Februar 1660 4,76, am 21. Juni 1662
10,92, um dann langsam bis zur Mitte des Jahres 1664 wieder
auf 2,94 M. zurückzugehen ?). In Breslau bewegten sich bei den
Die Pest, 1908, S. 175f. — H. Schrohe, Kurmainz i. d, Pestjahren 1666/67. —
W. Sahm, Geschichte d. Pest in Ostpreußen, 1905,
') Naude, Die Getreidehandelspolitik ..., 1901, S. 181/82.
3 Nach O. Dittmann, Die Getreidepreise d. Stadt Leipzig im 17., 18. u.
‚9. Jahrhundert. Mittl. d. stat. Amts d. Stadt Leipzig, H. 21, 1889. — Vgl. ferner