Full text : Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

176 Sechstes Buch. Zweites Kapitel.

sich an das politische Eigenleben der Stämme knüpft. Nur
langsam hatten diese Stämme sich in dem Wellengetriebe der
Völkerwanderung gebildet; erst im 7. Jahrhundert hatten sich
ihre Herzogtümer überall innerhalb deutscher Grenzen stärker
entwickelt; nicht vor dem 8. Jahrhundert waren sie des völker⸗
schaftlichen Sondergeistes innerhalb ihrer einzelnen Gaue Herr
geworden. Dann, als ihre große Zeit schon zu nahen schien,
waren sie untergetaucht in der Hochflut des Karlingischen Uni—
versalreichs.
Aber mit nichten waren sie von ihr zerschellt worden oder
versandet. Als das große Reich zerfällt und die Sondergewalten
rechts des Rheines wieder empordringen, da finden wir sie wohl
inzwischen verändert und entwickelt, aber weder uniformiert noch
geknickt. Noch haben wir es mit individuellen, greifbar ver⸗
schiedenen Staatsbildungen, wenn auch des gleichen Typus zu
thun. In Sachsen erscheint der Herzog noch mehr als Gleicher
unter Gleichen, es giebt keine herzoglichen Hoftage, sondern nur
Landtage der Großen zur Regelung der Stammesangelegenheiten;
in Baiern dagegen ist der Hoftag zu Regensburg, der Residenz
des Herzogs, auch Landtag, und späterhin erscheint der Herzog
als Lehnsherr fast aller Großen des Stammes.
Neben dieser Individualisierung der Stammesverfassungen
einem Zeichen ihrer noch vollsäftigen Kraft — herrscht überall
in gleicher Sicherheit das alte Stammesgefühl; und bei den
Sachsen, dem führenden Stamm des Reiches, erhebt es sich
noch zu so sonnigen Höhen stolzer Empfindung, wie nur je bei
den Franken in der Zeit des salischen Rechtes. Noch jetzt
rühmen sich die Sachsen als das auserwählte, das altedle Volk
voll Heldenkraft; als Schrecken aller Nachbarvölker überwinden
—D
samer Härte. Doch höchsten Ursprungs und vom tapfersten
Stamm haben sie gleichwohl an Ruhm noch gewonnen, seitdem
sie durch König Karls Hilfe den Weg des Heiles wandeln; mit
der Übertragung des heiligen Veit aus fränkischem Boden in
ihr Land ist über sie die Kraft der Franken und des Christen⸗
tums zugleich gekommen. Derjenige, der uns diese eigenartige
            
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