Geistige Kultur der Stauferzeit.
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Satzes in den Acta Murensia: Vita omnium spiritualium ho-
minum sine libris nibil est, hält man ihn zusammen mit
der noch für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts selbstver⸗
ständlichen Auffassung, daß buochisch und latinisch dasselbe
besagen!. Und wie ängstlich schloß man sich der schriftlichen
Uberlieferung an, wie unselbständig blieb man ihr gegenüber!
Deist war, wan daz han ich gelesen? war ein Wort, das
dem Unterrichteten der Stauferzeit bei jeder Gelegenheit über die
Lippen glitt.
So geringe Voraussetzungen des Wissens und demgemäß
auch des kritischen Vermögens erschwerten natürlich die Neu—
bildung von Erfahrungen und Wissensstoffen aufs beträchtlichste.
Auf geschichtlichem Gebiete, wo sich die Erweiterung der Kennt⸗
nisse und Anschauungen durch die fortlaufende Entwickelung
selbst am leichtesten und anscheinend selbstverständlich ergiebt,
war man im Zeitalter der Stammeskultur noch ganz der epi—
schen Disposition gefolgt; schon Ende des 9. Jahrhunderts ist
die Person Karls des Großen sogar in den Uberlieferungen der
Klosterzelles vom ersten Dufthauch des Märchens umwoben, um
bald darauf im vollen Nebel der Sage ins Riesige zu wachsen;
und auch das 10. und teilweise noch das 11. Jahrhundert
kannte eine volkstümliche Geschichtsüberlieferung nur erst in der
Form des Sagelieds. Nun war allerdings unter dem Einflusse
der gleichzeitigen Renaissancen der Karlingen und Ottonen eine
hochentwickelte Geschichtsschreibung emporgeblüht, deren kritischer
Sinn schon im 9. Jahrhundert achtenswert entfaltet war und
von der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts bis über die Mitte
des 12. Jahrhunderts hinaus zu bewundernswerter Höhe gedieh,
aber sie war lateinisch und nicht national; sie schrumpfte darum
zusammen und verlor an geistiger, namentlich auch kritischer
Selbständigkeit mit dem Aufkommen der ritterlich⸗nationalen
Bildung. Innerhalb der ritterlichen Kreise aber trat, aus
1 VBgl. z. B. Berhtolt J, M, 4.
2 Gottfrieds Tristan 17 900.
Monachus Sangallensis, 883.