Object: Neueste Zeit (Abt. 3)

Fortschritte des politischen Denkens. 463 
ergeben. Doch war man dabei in den Zeiten des Individualismus 
nicht eben viel über die allgemeine Problemstellung hinaus— 
zgekommen: wie denn schließlich ein Staat unter Zulassung des 
neuen Prinzipes im einzelnen organisiert sein müsse, davon 
war wenig die Rede gewesen. 
Bei dieser Entwicklung der neuen staatstheoretischen An— 
fänge gab nun im 19. Jahrhundert nicht so sehr die Lehre 
von der Teilung der Gewalten, auch nicht die Verkündigung 
der Menschenrechte, die viel zu sehr ins allgemeine verlief, wie 
bielmehr die Theorie von der Volksvertretung den Ausschlag. 
War aber hier das, was Westeuropa gelehrt hatte und 
lehrte, für eine wahrhaft deutsche und wahrhaft subiektivistisch 
organische Staatsauffassung brauchbar? 
Das Repräsentativsystem der englisch-französischen Doktrin 
war noch durchaus eine Schöpfung des Individualismus, des 
Rationalismus, der Aufklärung. Es ging von dem Gedanken 
einer auf Kollektivvollmacht begründeten Stellvertretung aus: 
einer Vorstellung, die, mit dem Gedanken eines staatlichen 
Organismus unvereinbar, noch heute organischer Durchbildung 
zustrebende Staaten immer und immer wieder dem Radikalismus 
zutreibt. Denn im Grunde sieht diese Theorie nur den isolierten 
und in allen Exemplaren gleichartig gedachten einzelnen als 
das konstituierende Element alles Staatslebens an; kennt also 
keine organische Vertretung der einzelnen nach ihrer Ver— 
schiedenartigkeit durch Gesellschaftskörper innerhalb des Staates, 
denen sie angehören, und dementsprechend auch nicht die Be— 
trauung dieser Gesellschaftskörper mit den ihrer Wichtigkeit 
entsprechenden öffentlichen Funktionen. 
Danach ist klar, daß diese rein äußerlichen, im Grunde 
mechanischen, antiorganischen Anfänge moderner Staatstheorie 
die Entwicklung einer wirklich organischen Staatslehre nur zu 
hindern und nur zu leicht vor allem da zu untergraben ver— 
mochten, wo man, wie im Lager alles Liberalismus, dem 
einzelnen doch auch innerhalb des organischen Staates an 
erster Stelle seine Freiheit zu wahren bestrebt war. 
Auf deutschem Boden wurde die Schädlichkeit dieser Über—
	        
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