460 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.
und den Liberalismus zugleich; und gewiß ist eben ihm an
erster Stelle die Vornehmheit und der Edelsinn zu verdanken,
welche die politische Kampfweise dieser und der kommenden
Jahre auszeichneten.
II.
Faßt man das Wesentliche der politischen Anschauungen
des Konservatismus ins Auge, wie sie sich bis etwa zum Re⸗
gierungsantritte Friedrich Wilhelms IV. entwickelt hatten, so
ergibt sich ein doppelter Kern: christliche Staatsanschauung und
organische Staatsanschauung. Und sucht man nochmals zu
raffinieren, so springt schließlich die organische Staatsanschau⸗
ung als ein allerdings letztes Agens heraus. Denn offenbar
ist der christliche Staat und die ihm zugrunde liegende Con-
cordantia catholica nur eins der möglichen Objekte organischer
Staatsauffassung: wenn auch dasjenige, das sich, sah man in
dem organischen zugleich den gewordenen Staal, am ehesten
and ungezwungensten ergab.
Dieser Zusammenhang läßt aber zugleich auch vermuten,
daß das Element, welches die konservative Staatsauffassung
als solche letztlich charakterisierte, nicht so sehr die Vorstellung
vom Staatsorganismus als die von der Bedeutung des Christen⸗
tums für diesen gewesen ist. Denn die Lehre vom Staat als
einem Organismus griff ja über die kirchlich-christlichen Vor—
stellungen hinaus.
In der Tat läßt sich sagen, daß die organische Staats⸗
theorie der treueste, fundamentalste Ausdruck aller Staats⸗
anschauung subjektivistischer Zeitalter überhaupt gewesen ist, ist
und sein muß. Denn was sind denn eigentlich die Forderungen
einer solchen Theorie? Offenbar die, daß eine lebendige, in
gegenseitig angepaßten Funktionen verlaufende und insofern eben
organische Gliederung der Staatsbürger nach den wichtigsten
Interessen der einzelnen Gruppen und der Gesamtheit bestehe:
und daß sich aus ihr unmittelbar eine gerechte Beteiligung der
einzelnen Gruppen am Staatsleben und eine der gesellschaftlichen