300 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
Aber ihrer inneren Bedingheit nach beruhte diese Wendung
und gleichsam Erneuerung auf ganz anderen Vorgängen, als
wie sie für das 14. und 15. Jahrhundert maßgebend gewesen
waren, und auf der Entfaltung ganz neuer Interessen.
Vor allem waren die Territorien um 1700, als Ganzes
betrachtet, nicht mehr die Territorien um 16300. Sieht man
von einigen Ausnahmeentwicklungen ab, so hatte sich inzwischen
ein großer Zug zur Zusammenlegung kleiner, zur Vereinheit—
lichung getrennter Territorien ausgewirkt. Und so war der
Unterschied zwischen den größten Territorien und den kleineren,
die immer noch in zahlreichen Exemplaren vorhanden waren,
schon der verschiedenen Raumausstattung nach beträchtlich
gewachsen. Noch viel stärker aber war dieser Unterschied ent⸗
wickelt worden durch Vorgänge innerhalb der Territorien selbst.
Konnten die kleinen Fürsten der allgemeinen Tendenz des
Verfassungslebens zum Absolutismus wirklich folgen, insofern
es nicht bloß auf die äußeren Formen, den Splendeur des
Hofes und der fürstlichen Person, sondern auf die inneren
Wohltaten der absoluten Monarchie, auf Verwaltungsfürsorge
und Wohlfahrtspflege, oder gar auf die Bereitstellung mili—
tärischer Machtmittel ankam? Es war nicht daran zu denken.
Und so entstand eine Unsumme gleichsam von Krüppel- und
Mißbildungen des Absolutismus in den kleinen Territorien,
die teils lächerlich, teils abschreckend wirkten, so sehr hier und
dort tüchtige Fürstenpersönlichkeiten selbst diesen Zwergbildungen
Leben verliehen. Die eigentlich vorwärtsweisende Entwicklung
aber wich in wenige große Territorien zurück, die Kurfürsten⸗
tümer etwa neben den kaiserlichen Landen und noch einige
Fürstentümer: und sie allein wurden nun zum Träger dessen,
was man äußere Politik innerhalb deutscher Grenzen nennen
konnte.
Faßt man nun aber diese Dinge im einzelnen anschaulich,
so ergibt sich alsbald, wie aus alledem ein im gewissem Sinne
neuer Gegensatz zwischen Norden und Süden heraussprang.
Im Süden waren es vor allem Ästerreich und Bayern, im
Norden Sachsen, Brandenburg-Preußen und das Konglomerat