Full text: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

358 Zweites Buch. Die gefellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft. 
So ist an die Stelle der Lehre von der Produktivität der Arbeitszweige heute 
der Versuch getreten, die Berufsgliederung historisch und statistisch zu erfassen. Und 
Arbeiten wie die von Bücher über die Bevölkerung in Frankfurt a. M. im 14. bis 
15. Jahrhundert zeigen, was selbst für ältere Zeiten möglich ist. Im übrigen ist auch 
das Material unserer Zeit bisher wenig zuverlässig gewesen, weil bei Erhebungen des 
Berufes die Grenzen so schwer festzustellen sind und so leicht bei jeder Zählung wieder 
etwas anders gesetzt werden. Will man nur die eigentlich im Berufe Thätigen, die 
sogenannten Erwerbsthätigen, zählen, so bleibt immer fraglich, wie weit man im Berufe 
nebenbei mithelfende Frauen, Kinder und Dienstboten mitzählen soll. Von einer großen 
Zahl bald da bald dort beschäftigter Arbeiter und Tagelöhner ist immer zweifelhäft, 
welcher Gruppe fie zuzurechnen sind. Zählt man die landwirtschaftlich Thaͤtigen oder 
die Gewerbetreibenden allein für sich, so erhält man stets zu hohe Zahlen, weil noch 
heute Tausende und Millionen beides verbinden. (Vergl. oben S. 346—347.) 
Das sind die einfachen Gründe, weshalb man alle älteren Angaben über Berufs— 
statistik mit Zweifel betrachten muß; ich will nur Vereinzeltes aus ihnen und dann 
neuere Berechnungen von Bodio und aus den deutschen Berufszählungen kurz anführen. 
Zu einer Begründung der Zahlen ist hier kein Raum. Ich suche im ganzen die Prozent- 
zahlen der gesamten Bevölkerung, d. h. der Erwerbsthäligen nebst Angehörigen und 
Dienenden, nicht die der Erwerbsthätigen allein zu geben, weil letztere zu ungleichmäßig 
abgegrenzt werden. 
Die erste Frage ist, welchen Anteil die Urproduktion (Land- und Forstwirtschaft, 
Gärtnerei ꝛc.) an der Gesamtbevölkerung noch habe. Eine Berechnung über den Kauton 
Zürich kommt zu dem Ergebnis, es seien 1629 88, 1775 833, 1890 27 6/0 gewesen. 
In den meisten europäischen Staaten nimmt sie gegenwärtig nicht mehr die Hälfte in 
Anspruch, nur (nach Bodio) in Italien 32, in Irland 54, in Cisleithanien 88, in 
Ungarn 62, in Rußland wohl noch über 70, im Kanton Wallis beinahe 7830/05 fie 
iinkt in Sachsen auf 18, in England auf 18 0/0. Nach der Tabelle des deutschen 
statistischen Amtes von 1884 fallen auf die Urproduktion in der Schweiz 42, in 
Deutschland 42 (1895 36), in Dänemark 485, in Frankreich 48, in Hsterreich 55, in 
Norwegen und Schweden 55 0/0. In Großbritannien sinkt die Prozentziffer von 88 
1811) auf 28 (1881), 21 (18661) und 16 (1881), in Preußen von 78 (1816) auf 64 
(1849), 48 (1867) und 42 (1882). Nach preußischen Gebielsteilen stellt sich die Ziffer 
1882 auf 63 in Posen, 62 in Ostpreußen, 52 in Pommern, 48 in Hannover, 48 in 
Schlesien und Brandenburg, 41 in Schleswig-Holstein, 89 in Hessen-Nassau, 46 in 
Sachsen, 33 in Westfalen, 80 am Rhein; ähnlich schwanken die anderen deutschen 
Staaten zwischen 30 und 500/0. Im mittelalterlichen Frankfurt nimmt die Urprodultion 
noch 18—19, im heutigen 2230/0 in Anspruch. 
In der Abnahme der landwirtschaftlichen Prozentziffer von 83, 70, 60 bis zu 
30, 15 und 10 sehen wir die ganze neuere Wirtschaftsgeschichte des betreffenden Staates, 
die Umbildung des Agrarstaates zum Industriestaate, wie man es neuerdings bezeichnete. 
Natürlich kann dieselbe Abnahme der Prozentzahl sehr Verschiedenes bedeuten, je nachdem 
sie auch absolute Abnahme oder nur relative der landwirtschaftlich Thätigen bedeutet, 
je nachdem sie durch eine sehr intenstve, mit Maschinen betriebene Landwirtschaft aus— 
geglichen wird oder nicht, je nach der nötigen Zunahme der Einfuhr von Lebensmitteln 
und je nach der Sicherheit dieser Zufuhr. 
Als komplementäre Zahlen zu den eben angeführten erscheinen nun die über die 
Gewerbe (Industrie, Bergbau, Handwerk). Unter 11-120/0 sinkt ihr Anteil an der 
Besamtbevölkerung heute selbst nicht in den agrikolen europäischen Gebieten, z. B. in 
Schweden und im Kanton Wallis; in Ostpreußen und Posen sind es 16—17, ähnlich 
in Norwegen; in Ungarn kamen 1857 17, in Cisleithanien 210/0 auf die Gewerbe, 
jetzt 21 und 29; für Dänemark berechnet Bodio 1880 80 0/0, für Italien 1881 25, 
jür Frankreich 1880 24, für die Schweiß 1870 35, 1880 42 0/0; für Deutschland zählte 
man 1882 85 (Rhein 44, Sachsen 55, Westfalen 48, Württemberg 88, Bayern 27), 
1895 39, für England 1881 565, 1891 537, für Belagien 1846 81. 1880 57 804
	        
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