fullscreen: Neueste Zeit (Abt. 3)

324 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
Begriffen, insbesondere in dem Begriffe des Dinges mit mehreren 
Eigenschaften, in dem Begriffe der Veränderung und in dem 
Begriffe des Ichs gegeben seien. Es war eine Kritik, wie sie 
die Anschauungen der Identitätsphilosophie an sich nahelegten. 
Nach Herbarts Ansicht aber war es möglich, diese Widersprüche 
durch Umformung der Begriffe zu beseitigen; und so machte 
er sich an diese Aufgabe. Sehr bald aber fesselte ihn dabei 
ganz besonders die Bearbeitung des Ichbegriffes; und von 
hier aus kam er dann zu den Prämissen einer neuen Psycho— 
logie. Rein empirisch, wenn auch objektiv betrachtet im An— 
schluß an gewisse Spekulationen der Identitätsphilosophie, 
glaubte er hier, um tiefer dringen zu können, vor allem die 
Welt der Vorstellungen untersuchen zu müssen. Denn neben 
ihnen, die unzerstörbar seien, komme den übrigen seelischen 
Erlebnissen eine eigentliche Realität nicht zu: so seien z. B. 
die Gefühle nur ein Ausdruck der Spannungszustände der 
gegeneinander wirkenden Vorstellungen, die Triebe und der 
Wille Effekte des Aufstrebens von Vorstellungen gegen vor— 
handene Hemmungen usw. Man sieht: es ist ein ganz in⸗ 
tellektualistischer, neurationalistischer, metaphysischer Standpunkt. 
Innerhalb des Reiches der Vorstellungen aber als des Wesent— 
lichen der Seele erschien Herbart im Grunde nichts als ur— 
sprünglich angeboren: alle Vorstellungen entstehen nach ihm 
erst in diesem Bereiche. Aber nachdem sie einmal aufgetreten 
sind, sind sie unvergänglich. Sie können dann wohl infolge 
von Hemmungen, denen sie durch das Auftreten neuer Vor— 
stellungen ausgesetzt sind, bis zum Unbewußten verdunkelt 
werden; dennoch aber existieren sie unter der Schwelle des 
Bewußtseins weiter. Das ganze seelische Leben besteht daher 
nur im Auf- und Abwogen, im Kampfe, in Sieg und Nieder— 
lage der Vorstellungen. Man sieht, mit diesen Aufstellungen 
war eine Hypothese gewonnen, von der aus, insbesondere unter 
Anwendung der Mathematik, in der Tat wenigstens eine be⸗ 
stimmte Theorie des Vorstellungsmechanismus entwickelt werden 
konnte. Herbart hat diese Theorie darauf sehr eingehend nament⸗ 
lich in der Richtung auf eine Lehre der Vorstellungshemmungen
	        
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