Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

44 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
keines Klimas mehr der reproduzierenden Aufnahme: und mit 
einer feministischen Leichtigkeit, die weit abliegt von dem männ— 
lichen Charakter mindestens des Klassizismus und des Sturmes 
und Dranges, wird empfangen, angeeignet, wiedergeboren, was 
die Überlieferungen der Weltgeschichte und die räumlich ver— 
teilten Schätze des Erdreichs darbieten. 
War da aber nicht zu fürchten, daß eine solche Extensität der 
Interessen, die wenigstens auf dem Gebiete des Denkens und 
Dichtens sehr früh neben deren Intensität trat wenn nicht sie 
überwucherte, schließlich zum Selbstverluste eben der allzu sou— 
oeränen Persönlichkeit führen werde? Ahnend schon kündigt es 
das Athenageum, diese Fundgrube früher romantischer Weisheit, 
an: „Universalität ist Wechselsättigung aller Formen und Stoffe. 
Zur Harmonie gelangt sie nur durch Verbindung der Poesie 
und Philosophie; auch den universellsten vollendetsten Werken 
der isolierten Poesie und Philosophie scheint die letzte Synthese 
zu fehlen; dicht am Ziel der Harmonie bleiben sie unvollendet 
stehen. Das Leben des universellen Geistes ist eine ununter— 
brochene Kette innerer Revolutionen.“ So war denn in der 
Tat ein nie in sich gefestigtes Dasein das deutlich vorher— 
gesehene Ziel; bitter rächte sich der Aufbau des Lebens an den 
letzten Grenzen, den trügerisch gleitenden Abgründen des Sub— 
jektiven. Denn der Mensch soll sich nicht so radikal subjekti— 
vieren, daß er, nur auf sich gestellt, sich von den natürlichen 
Banden der Gemeinschaft löse, in die hinein er geboren ist; 
bielmehr hat er die allem wahrhaft Menschlichen eingeborene 
Pflicht, die Errungenschaften seiner subjektiven Durchbildung 
eben dadurch zu sichern, daß er sich der Gemeinschaft, der er 
angehört, mit reifer entwickelten Kräften erst recht zurückgibt. 
Indem aber diese Grenze, vorerst und vornehmlich in 
der Frühromantik überschritten wurde, entwickelte sich ein Zu— 
stand, der in eine krankhafte Überreife des neuen Seelenlebens 
entartete. Da wurde zunächst, in der Erforschung des Seelen— 
lebens, das eigene Innere und das anderer bis auf jene Tiefen 
abgegraben, in denen das Unbewußt-Nervöse drohend zutage 
trat, und all jene Erscheinungen einer rettungslosen Suggesti—
	        
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