Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

1832 
Weltanschauung. 
nicht eben dem Heiligen und auch nicht an erster Stelle dem 
Künstler zu. Dagegen tritt die metaphysische Seite der Lehre 
Schopenhauers jetzt mehr ins Zeitbewußtsein. Ob sie aber 
noch in der Lage ist, es auch nur annähernd so zu beherrschen, 
wie dies früher der ethischen Seite gelang? Sie verhält sich zu 
einem metaphysischen Denken, das wahrhaft modern wäre, wie 
gewisse symbolistische und stimmungsreiche Gedichte von Novalis 
oder Friedrich Schlegel zu der Poesie der Stefan George und 
Hofmannsthal: sie reicht an die Gegenwart heran, aber sie ist 
nicht diese selbst; ein Gradunterschied macht sich geltend; die 
Auffassung ist noch zu plastisch, die nervösen Elemente sind 
noch zu erinnerungsmäßig zusammengefaßt und darum idea— 
listisch wiedergegeben. Der Trieb würde heutzutage einer 
weiteren Zerfaserung in mehr elementare, mehr rein nervöse 
Elemente bedürfen, sollte er die psychologische Grundlage einer 
neuen Metaphysik bilden. 
Was aber Schopenhauers Gesamtsystem durchaus von der 
Gegenwart trennt, das ist der Mangel des Entwicklungs⸗ 
zedankens. Sollte das Absolute der Trieb sein, so verlangte 
fast schon die ganze zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, daß 
es sich evolutionistisch zu aller Breite und Schönheit der Er— 
scheinungen dieser Welt auswirke. Und dies eben ist in 
Schopenhauers Lehre nicht der Fall. Dagegen ist gerade in 
diesen neuen Forderungen der Zeit das Moment gegeben, an 
das eine ganze Reihe jüngerer voluntaristischer Systeme der 
Metaphysik mit Erfolg anknüpfte. Das — D——— 
vollendetste davon ist wohl dasjenige Wundts (1889). 
Wie Schopenhauer, geht Wundt von psychologischen Er⸗ 
wägungen aus — nur daß sie auf eine breite psychologische 
Erfahrung gestützt sind. Und da erscheint denn Wundt das 
Wollen als die eigentliche seelische Grundfunktion: es giebt 
keinen Vorstellungsinhalt ohne Gefühlsregung und keine Ge— 
fühlsregung ohne Willensrichtung. Dieser Wille aber, der in 
allen Außerungen unseres Seelenlebens vorhanden ist, kann 
doch nur sehr bedingt als Individualwille angesehen werden; 
in Wahrheit ist er in uns schon ein Gesamtwille all der un—
	        
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