Kapitel III. Die Pessimisten.
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wie in bezug auf die Bodenrente, weniger pessimistisch erweist als Ricardo.
Weit davon entfernt, anzunehmen, daß jede Lohnerhöhung notwendiger
weise einen Überfluß an Arbeitskräften, und infolgedessen ein erneute«
Sinken des Lohnes nach sich zieht, sagt er, daß sie sehr wohl in der Arbeiter^
klasse jenen Sinn für die Zukunft schaffen könne, der gerade die wirk
samste präventive Hemmung des blinden Instinktes vorstellt, und daß
daher die einmal eingetretene Lohnerhöhung sehr wohl zu einer bestän
digen werden könne. Gut! Enthält aber diese Beweisführung nicht einen
fehlerhaften Zirkel? Damit nämlich die wohltätige Folge eintreten könne,
muß zuerst die Lohnerhöhung stattfinden. Wie kann sie aber eintreten,
solange die Arbeiterklasse im Elend und Leichtsinn versunken bleibt?
Darauf hätte Malthus ohne Zweifel geantwortet, daß der Markt
lohn (market wage) beständig um den natürlichen Lohn (natural
wage) gemäß den Zufälligkeiten des Angebots und der Nachfrage oszilliert.
Lassen wir also diese Erhöhung etwas länger andauern, und sie kann aus-
i'eichen, um das Niveau der Lebenshaltung (Standard of life) der Ar
beiterklasse genügend zu beeinflussen, um definitiv zu werden 1 ).
Das ist das Lohngesetz, das zu einem Axiom erhoben werden sollte,
Mn Axiom, das es ermöglichte, allen Vorschlägen für eine Besserung der
Lage der Arbeiterklasse die folgende Behauptung entgegenzustellen, die
man allen sozialistischen Systemen oder sozialen Reformgesetzen entgegen-
hielt: „Der Arbeiter hat nur ein Mittel, seine Lage zu verbessern, und
das ist, wenig Kinder zu haben; sein Schicksal liegt daher in seinen
Händen 2 ).“ Späterhin bemächtigte sich der Sozialismus mit Lassalle
dieses Gesetzes, um es gegen die wirtschaftliche Ordnung zu kehren, und
versicherte, daß es keineswegs in der Natur, sondern nur in der kapita
listischen Weltordnung begründet sei, und gerade das spreche ihr das
Todesurteil.
Bemerkenswert ist, daß in der Theorie Ricardo’s zwischen dem
Großgrundbesitzer und dem Lohnempfänger kein bestimmter Anta
gonismus besteht. Dem Lohnempfänger kann es gleichgültig sein, ob die
b „Man kann ganz allgemein sagen, daß, bei Eintreten einer Erleichterung im
Verdienst des Lebensunterhalts, diese Erleichterung das Bestreben hat, das Verhältnis
oer Heiraten zur Bevölkerungsziffer zu erhöhen. Es ist aber durchaus denkbar, daß
diese Wirkung nicht eintritt ... Es ist sehr wohl möglich, daß eine plötzliche Ver-
esserung der Lage des Volkes ihm einen aufrechten Stolz, ein Gefühl für Reinlich
keit und Wohlanständigkeit gibt. In diesem Falle würde die Zahl der Heiraten nicht
zunehinen, und man würde eine größere Anzahl Kinder aufziehen; die auf Grund der
deuen Ordnung eintretende Erhöhung der Bevölkerungsziffer würde durch das Sinken
der Sterblichkeitsziffer, nicht durch die Vermehrung der Geburten stattfinden“ (S. 189).
2 ) „Jeder Vorschlag, der nicht auf eine Verminderung der Zahl der Arbeiter hin-
ausläuft, ist nutzlos, um keinen schärferen Ausdruck zu gebrauchen. Jede gesetzliche
Einmischung ist verderblich.“ Diese Worte Place’s, der 1822 ein Buch über die
Bevölkerung verfaßt hat, werden von Graham Wallach: (Life of Francis Place)
*>tiert.