Full text: Werke und Schriften bis Anfang 1844 (1,2.1930)

3. Kap. Der Nahrungsspielraum 391 
Der Zusammenhang mit dieser Ausdehnung des außenbedingten 
Teils des Nahrungsspielraumes ist jedenfalls unbestreitbar, wenngleich 
sich schwer in allgemeiner Form sagen läßt, wo dabei die Ursache 
und wo die Wirkung liegt. Jedenfalls liegt der Zusammenhang 
nicht so, daß das Wachstum der Bevölkerung die einfache Ursache 
der industriestaatlichen Entwicklung und der Verflechtung in den 
Weltmarkt gewesen ist. Wohl wird man sagen können, daß bei 
steigender Volkszahl der Zuwachs an Menschen in der Landwirtschlaft 
nicht mehr unterkommen und von ihren Erträgen nicht mehr leben 
konnte und daß als Folge davon, wie man schon im Mittelalter fest- 
stellen konnte, ein Teil dieses Volkszuwachses sich den Städten und 
der Industrie zuwandte, um hier Arbeitsgelegenheit zu suchen. Aber 
damit waren noch keineswegs die Voraussetzungen für die Aus- 
dehnung der Industrie und ihre Verflechtung in den Welthandel 
gegeben. Denn es gibt noch heute auf der Erde zahlreiche Länder 
mit einem nicht weniger starken Volkswachstum als die betreffenden 
Staaten Europas, bei denen wir einer solchen wirtschaftlichen Ent- 
wicklung nicht begegnen. Man wird vielmehr diese Seite des Zu- 
sammenhangs nur in die Form kleiden dürfen, daß das Volkswachstum 
die unerläßliche Voraussetzung dieser Entwicklung der Industrie und 
damit der Verflechtung in den Weltmarkt gewesen ist. Dabei sei 
an dieser Stelle auf die weiterhin sehr wichtige Frage, ob die Ent- 
wicklung der heimischen Industrie das Wachstum des internationalen 
Handelsverkehrs bewirkt habe oder ob der umgekehrte Zusammen- 
hang vorhanden ist, gar nicht weiter eingegangen !). Jedenfalls wäre 
diese Entwicklung ohne die große Volkszunahme nicht möglich ge- 
wesen. Darauf hat vor allem Sombart in seinen Darlegungen 
über die Anpassung der Bevölkerung an die Bedürfnisse des Kapi- 
talismus hingewiesen ?). Haben wir doch auch gesehen, daß in der 
Periode von 1895/1905, einer Zeit besonders großen wirtschaftlichen 
Aufschwungs in Deutschland, der eigene Volkszuwachs für den Be- 
darf der Industrie nach Arbeitskräften nicht einmal genügte und 
daß damals noch Arbeiter aus fremden Ländern herangezogen werden 
mußten. Auf dieser Tatsache, daß ein starkes Volkswachstum die 
wesentliche Bedingung der industriellen Entwicklung bildet, beruht es 
dann auch zum Teil, daß diese Entwicklung in Frankreich so viel 
schwächer war als in Deutschland. Man hat auch schon darauf hin- 
gewiesen, daß die Tatsache, daß Schweden in erster Linie Rohstoffe 
1) K. Hoffmann, Das Ende d, kolonialpolitischen Zeitalters, 1917, S. 48 ff. 
?) Das Wirtschaftsleben, 1. Bd,, S. 363 ff.
	        
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