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Wenn wir die Forderung einer bestimmten örtlichen Lage der
Gerbereien wenigstens im deutschen Handwerk historisch ausfassen
wollen, so können wir zurückgehen bis auf die Fronhöfe der Karolingerzeit.
Es wurde schon darauf hingewiesen, daß gerade die Lederarbeiter dieser
Fronhöfe im Vergleich zu den anderen Handwerkern in verhältnismäßig
großer Zahl vorkommen, und daß gerade sie das entscheidende Beispiel
abgeben können, ob Verwaltungsmaßnahme oder freier Assoziationstrieb
zur Bildung von räumlich konstatierbaren Handwerkerorganisatiouen
schreiten; wir haben gesehen, das war nirgends der Fall. Nun gibt
uns die Betrachtung der örtlichen Lage ein zweites Prüfungsmittel an
die Hand: Nicht bloß auf Grund einer irgendwie gearteten Organisations
bestrebung, sondern auch auf Grund ihres übelriechenden, unsauberen
Handwerks, welches noch dazu durch gemeinsamen größeren Wasser
bedarf die Forderung zur räumlichen Konzentration in sich trägt, sollte
man in der Lage der Gerbereien eine besondere Berücksichtigung finden.
Der Bauriß von St. Gallen aus dem Jahre 830 enthält die Werk
stätten der Lederarbeiter eingefügt um die viereckigen Höfe, genau so,
wie die der übrigen Handwerker, und ohne daß eine besondere Be
rücksichtigung ihres Handwerksbedürfnisses oder einer hygienischen Maß
nahme auch nur irgendwie erkennbar wäre Z.
So sehen wir, rein unter dem Gesichtspunkte historischen Werdens,
daß auch die Lage der Gerbereien sich geschichtlich verfolgen läßt in
der Weise, daß erst das 19. Jahrhundert eine Ausscheidung dieser und
ähnlicher Gewerbekategorieen vorgenommen, und daß es deren Ab
sonderung von den übrigen Wohnverhältnissen auf Grund bestimmter
Forderungen der Rücksichtnahme oder der Hygiene bewirkt hat. Diese
Bestimmungen und Zusatzbestimmungen der Gewerbeordnung hier ab
zudrucken wäre eine unnötige Wiederholung, da sie allgemein bekannt sind.
Haben wir so die Frage des lokalen Ausschlusses der Gerbereien
aus der Wohngemeinschaft der Menschen behandelt, so müssen wir nun
mehr versuchen, uns ein Bild vom topographischen Eingefügtsein der
Gerbereien innerhalb der größeren wirtschaftlichen Territorien zu machen,
in welchen die Gerbereien als Organe zur Befriedigung eines bestimmten
wirtschaftlichen Bedürfnisses auftreten; wir wollen versuchen, uns ein
Bild zu machen vom Standort dieses Gewerbes.
8 35. Der Standort der Weitzgerbereien.
Der Standort eines Gewerbes ist das historische Ergebnis der
Wanderung seiner Produktionsprinzipien nach den in Kap. 6 dargelegten
Bewegungsformen und Grundsätzen.
>) Vgl. Mummenhoff 1901, S. 12; Keutgen 1903, S. 25/Keller 1844.