Kapitel III. Die Pessimisten.
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als 33 Jahre sein. Man nennt diesen Zeitraum ein Menschenalter und hat
stets etwa drei auf ein Jahrhundert gerechnet.
Das sind aber alles unbedeutende Bemängelungen. Denn wenn
man den Zwischenraum zweier Zahlen auch von 25 auf 33 erhöht und,
wenn man will, die Progression der Reihe von 2 auf 1,5, sogar auf 1,25
oder 1,10 erniedrigt, so hat dies wenig Bedeutung. Die Progression wird
etwas langsamer, aber sobald die Progression, so klein sie auch am An
fang sein möge, überhaupt besteht, so kann nichts verhindern, daß sie
bald in immer größer und größeren Sprüngen vorwärts eilt und alle
Grenzen überschreitet. Diese Korrekturen verringern daher in nichts
die Kraft der Schlußfolgerungen Malthus’ als physiologisches Gesetz.
Die zweite Reihe, die des Wachstums der Lebensmittel, scheint
der Kritik mehr Angriffspunkte zu bieten, denn sie ist sichtlich will
kürlich, und man weiß nicht recht, ob sie, wie die erste, ein natürliches
Streben vorstellt, oder ob sie beobachtete Tatsachen wiederspiegeln
will! Sie ist ohne Übereinstimmung mit einem bekannten und sicheren
Gesetz, wie es das biologische Reproduktionsgesetz ist. Sie steht mit
ihm sogar allem Anschein nach in Widerspruch. Was sind denn die „Lebens
mittel“ anders, als tierische und pflanzliche Arten, die sich nach den
selben Gesetzen, wie die Menschen, vermehren und noch dazu in einer viel
schnelleren „geometrischen Reihe“! Die Vermehrungskraft des Kornes
oder der Kartoffel, der Hühner oder des Herings, sogar der Rinder oder
des Schafes ist doch der des Menschen unendlich überlegen.
Das ist richtig, aber es handelt sich nicht um die Vermehrung der
Lebewesen vom Standpunkte der Biologie, sondern um die Erzeugung
von Nahrungsmitteln, die nicht durch die Gesetze der Fortpflanzung,
sondern durch diejenigen des Landbaues beherrscht wird.
Es handelt sich selbstverständlich in den Gedanken Malthus’ um
den Ertrag eines bestimmten Stück Landes, etwa an Getreide, da die
englischen Nationalökonomen niemals etwas anderes im Sinne haben.
Er will sagen, daß, wenn von einem Stück Land eine gleichmäßige Er
tragssteigerung von etwa 2 hl am Ende jeder gegebenen Periode, alle
25 Jahre, erzielt wird, das alles ist, was man erhoffen kann. Diese Hypo
these scheint noch über die Wirklichkeit hinauszugehen. Lavoisier
schätzte 1789 den Getreideertrag in Frankreich auf 7,75 hl auf den Hektar.
In den letzten Jahren erreichte er im Mittel ein wenig mehr als 17 lil.
ln der Annahme, daß die Steigerung in den 120 Jahren der Zwischenzeit
regelmäßig gewesen ist, erhalten wir einen Mehrertrag von etwas unter
2 hl für jede Periode von 25 Jahren. Das hat angesichts des schwachen
Wachstums der französischen Bevölkerung genügt, um die Durchschnitts
menge pro Kopf von 2 auf 3 hl zu bringen. Würde sie aber für eine so
schnell anwachsende Bevölkerung, wie die Englands oder Deutschlands
genügt haben? Sicherlich nicht, da diese beiden Länder, trotz eines