8 21. Zur Entwicklungsgeschichte der Zinstheorie. 75
müßte direkt auf die Knappheit der Kapitaldisposition zurückgeführt
werden.
Aber auch wo die Mengen der anderen Produktionsfaktoren ge-
geben sind, muß der Zins bei unveränderlichen Produktionsmethoden
auf Grund des Knappheitsprinzips bestimmt werden können. Ein Zu-
schuß von Kapitaldisposition findet dann immer noch eine nützliche
Verwendung, nämlich durch eine relative Steigerung der Nachfrage nach
solchen fertigen Gütern, welche für ihre Herstellung besonders viel
Kapitaldisposition erfordern. Dieser Fall läßt sich offenbar nicht in
das Schema einer „Verlängerung der Produktionsperiode‘‘ einzwingen,
ohne daß man einer solchen Verlängerung eine andere Bedeutung gibt
als die einer Veränderung der technischen Produktionsmethode. Über-
haupt ist es absolut unbefriedigend die Zinstheorie so zu konstruieren,
daß das Wesentlichste der ganzen Sache, die Abhängigkeit der Nach-
frage nach fertigen Gütern vom Zinsfuß, verloren geht.
Es muß in diesem Zusammenhang auch darauf hingewiesen werden,
daß die Voraussetzung einer „durchschnittlichen Produktionsperiode‘‘
streng genommen damit gleichbedeutend ist, daß nur ein Produk-
tionsprozeß mit einer einheitlichen Produktionsperiode vorkommt,
Durch diese Voraussetzung ist schon eine Nachfrage nach Gütern,
deren Produktion verschiedene Ansprüche an Kapitaldisposition stellt,
von vornherein ausgeschlossen. Ein unwissenschaftlicher Gebrauch der
Phrase „durchschnittlich‘‘ ist leider nur zu geeignet solche sehr be-
deutungsvolle Voraussetzungen unmerklich in die Erörterung ein-
zuführen,
In den Diskussionen der letzten Jahrzehnte hat das große Werk
Böhm-Bawerks „Kapital und Kapitalzins‘‘ eine leitende Stellung
eingenommen. Trotz der enormen und außerordentlich sorgfältigen
Arbeit, die in diesem Werk niedergelegt ist, scheint es jedoch sowohl
in seinem Kritisch-dogmengeschichtlichen wie in seinem positiven Teil
in der Hauptsache verfehlt. Der Verfasser hat sich nicht die neuere
wissenschaftliche Auffassung der Preisbildung als eines einheitlichen,
sämtliche Preise, sowohl die der fertigen Güter wie die der Produktions-
faktoren, gleichzeitig bestimmenden Prozesses vollständig aneignen
können. Er ist noch wenigstens zum Teil in der Art des Denkens be-
fangen, die durch die Fragestellung charakterisiert wird: ‚„„Hängt der
Wert der Produkte von dem ihrer Produktivmittel oder hängt umgekehrt
der Wert der Produktivmittel von dem ihrer Produkte ab1)?‘‘. Der
zentralen Idee der Theorie der Preisbildung, daß diese Faktoren im Preis-
bildungsprozeß eine symmetrische Stellung haben und einander gegen-
seitig bestimmen, aber beide in letzter Linie von Faktoren abhängen, die
teils in der Natur der Dinge, teils in Eigenschaften der wirtschaftenden
Menschen begründet sind, steht Böhm-Bawerk von Anfang an
— = 1) Kapitalzinstheorien. 1884, p. 255. 2. Aufl. 1900, p. 259.
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