WscheMM der ZoMlümsklatischeil Partei DkiiWaOs.
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durch die Poll oder in Zrriin durch dir Zrilnngs Kprditrnrr pro RnoNoi 1,2«, uuier Krrnjdood 1.80 Work.
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1. Jahrg.
Redsktilln und Expedition: Berlin SW. 19, Vrulh-Stratze 2.
3. Februar 1894.
Zur Einführung. — Der 18. Januar. — BuS Sachsen.
— Der bayerische Landtag. — Der Bericht deö rheinischen
KomitöS. — Die Petition der Bergleute in Sachsen.
Zriminaldircktor Dambach. — Ein christlich-sozialer
Dichter. — 8luö der englischen Landagitatiou. — Die
Ritter der Arbeit.
Partcinachrichten. Politisches. — Gewerkschaftliches.
Kastenwesen. — Vom Lande. — Vermischtes.
Jur Beachtung.
Wir bitten, die Zeit bis zum Erscheinen der nächsten
Nummer zur eifrige« Werbung von Abonnenten zu
benutzen.
Die nächste Nummer wird Sonnabend, den
10. Februar, früh in den Händen aller Abouneittcn
und Kolporteure i» Deutschland fein.
Die Expedition des „Tozialdemokrat".
Zur Einführung.
Zweimal bereits hat die deutsche Arbeiterbewegung über
Zcutralorgaue nüt dem Namen „Der Sozialdemokrat" ver
fügt. und mit der Gründung und Entwicklung beider sind
inhaltreiche Abschnitte unserer Partcigeschichte ans das Engste
verknüpft.
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(ratie Jj)ie XassalleaiKr d. 0of statten nah v. Schweitzer
zeichneten im Xejembcr 1864 die erste Nummer, und in
ihrem Prograrnmartikel nchnren mit die erste Stelle politische
Forderungen ein, die heute längst zur Wirklichkeit gswordcn
find. „Wir wollen — heisst cs da — nicht ein ohnmächtiges
und zerrissenes Vaterland, machtlos nach außen und voll
Willkür im Innern — das ganze, gewaltige Deutschland
wollen wir . . . eine wirkliche Volksvertretung, d. h. eine
solche, welche der Stimme des Arbeiters das gleiche Gewicht
giebt, wie der des Kapitalisten. So erstreben wir als
nächstes Hauptziel der Arbeiterbewegung das allgemeine,
gleiche und direkte Wahlrecht." — Nach dem Eingehen des
„Sozialdemokrat" im April 1871 leitete dann Hasenclever
mnr. Juli ab den „Neuen Sozialdemokrat" im Sinne der
Lassallcaner, bis dann der Gothaer Kongreß im Jahre 1876
als cinriaes Zentralorgan den „Vorwärts" in Leipzig pro-
klamirte, in dessen Redaktion Hasenclever eintrat.
Frei von. inneren Gegensätzen, unter dem Ansporn
des allgemeinen Wahlrechtes und der errungenen politischen
und wirthschaftlichcn Freiheiten nimmt die Partei einen
ungeahnten Aufschwung, bis die Schreckensherrschaft der
Periode des Ausnahniezustandes alles zerschlägt und zer
trümmert, was irgend an Organisationen und Organen der
deutschen Arbeiter vorhanden war. Erst im September 1879
bringt es die Partei wieder zu einem Zentralorgan — selbst
diese Bezeichnung vereitelten später die Gerichte! — und
wieder war eS ein „Sozialdemokrat". Die größte, helden
hafteste Zeit des großen heroischen Emanzipationskampfcs
des deutschen Proletariats spiegelt sich in diesem Blatte
getreulich wieder, das — nothgedrungen auf frembem Boden,
erst in der Schweiz, dann in England erscheinend — bis
zum letzten Augenblicke in unvergeßlicher Weise [eine Aus
gabe erfüllt hat: „rnckhalts- und rücksichtslos für die
Prinzipien der Sozialdemokratie und deren Verbreitung im
Volke" und „gegen die thörichte und verderbliche Revo-
lntions- und Putfchmacherei" einzutreten. Mit dem Falle
des Ausnahmezustandes hat dann das Blatt die Waffen
wieder zurückgegeben in die Hände der heimischen Genossen.
Heute haben wir in Deutschland ein täglich erscheinendes
Zentralorgay, den „Vorwärts" — eine wissenschaftliche
Revue, die „Neue Zeit" — und daneben eine so ausge
breitete und entwickelte Lokalpresse, daß von dein Bedürf
nisse eines neuen Zcntralorgans in dem alten, alles um
fassenden Sinne des Wortes nicht die Rede sein kann.
Wenn trotzdcnl ans den Parteitagen immer wieder ein
Zentral-Wochenblatt verlangt und schließlich auch mit über
großer Mehrheit beschlössen worden ist. so waren dabei
unseres Erachtens verschiedene Wünsche maßgebend.
Einmal der, eine Uebersicht über die vielvcrzweigie
Parteibewegung und die wichtigsten Parteiknud-
gcbunacu und -Meinungsäußerungen in, In- und
Auslande zu gewinnen — gedrängter wie in einer großen
Tageszeitung, und umfassender wie in einem Theil der
letalen Presse. Je vielseitiger und reicher unser Partei-
lcben wird, desto größer wird die Nothwendigkeit werden,
alle wichtigen Thatsachen,. Urtheile und Anregungen an
einer Stelle zu sammeln, an der sie nicht unter dem MltagS-
stoffe verschwinden, wie bei einem Tageblatte, das so viele
andere Aufgaben noch zu erfüllen hat.
Weiter ist immer stärker das Bedürfniß hervorgetreten,
für alle deutschen Genossen ein gemeinsames Organ der
Diskussion zu besitzen. Mit ihrer stetigen Macht
erweiterung wächst für die Sozialdemokratie auch das Maß
der politischen Verantwortlichkeit. Sie wird immer mehr
mitbestimmend in Fragen, die sie sonst als gleichgültig
nebensächlich behandeln konnte, weil deren Entscheidung
einzig und allein bei den bürgerlichen Parteien lag. Sie
wird immer enger und unlösbarer verwebt mit allen
Strömungen des öffentlichen Lebens. Ihre im Programme
niedergelegten einheitlichen Grundanschammgen hat sie auf
immer mannichfaltigere Verhältnisse anzuwenden, ihre
Taktik stetig sich ändernden Umständen von Neuem an
zupassen. So wird eine freie, allseitige Diskussion für
unsere Partei immer mehr zu einem Lebenselement, um ihr
die geistige Beweglichkeit zu erhalten, um in allen neu
auftauchenden Fragen die richtigen Entscheidungen vorzu
bereiten und bis zu allgemeiner Zustimmung zu verbreiten.
Wenn wir uns vorzugsweise dieser Seite des publizistischen
Wirkens zuzuwenden gedenken, so ist damit zugleich gesagt,
daß mir in erster Linie ein Organ der praktische«
Agitation sein wollen. Was unsere Parteiorganisationen
und Gewerkschaften, unsere Vertretungen im Reiche, den
Einzelstaaten und Gemeinden beschäftigt, was als Waffe
zum Angriff und zur Abwehr in den täglichen politischen und
wirthschaftlichen Kämpfen dienen kann, was unsere eigene
Sräxbr u\vb Schwäche rmd die untere* ©t^ner ausmacht.
i \wvCi Yoc& \x\A%x; r ><?,*\.oAn\vc. V>x\X\\\\\wt —
das soff mS vorzugsweise beschäftigen. Dazu gehört, daß
mir den Qnteiefscnfon stiften rnn erhol b der bürger.
lichcn Kreise — der Agrarbewegung, dein Anti
semitismtts, der .Handwerkeragitation — ein beson
deres Augenmerk zu widmen haben.
Das sonst übliche Feuilleton novellistischer Art denken
wir regelmäßig zu ersetzen durch Darstellungen aus der Ge
schichte früherer Emanzipationskäulpfe. durch biographische
Skizzen, durch Schilderungen aus dem Arbeiterleben, durch
eine Geißelung der von unseren Gegnern im „geistigen Kampfe
gegen die Sozialdemokratie" verübten Lächerlichkeiten. Wir
hoffen, daß so neben dem Verlangen nach Orientirung und
'Aufklärung auch das nach Unterhaltung seine Befriedigung
finden werde — besonders auch bei den weiblichen Ar
beitern, deren Besreiungsslreben wir ebenfalls nach Mög
lichkeit zu fördern suchen werden.
Wie weit eS uns gelingen wird, diese Ziele zu er
reichen, hängt wesentlich von der Unterstützung unserer
Parteigenossen im Inland und Ausland ab. Ein
Blatt wie das unsrige beruht in seinem Leben und Einfluß
ganz und gar auf der regen Verbindung mit den Partei
freunden an allen Orten. Wir hegen keinen Zweifel, daß
sie alles thun werden, was in ihren Kräften steht, um das
Blatt zu dem zu machen, was es nach den Hoffnungen des
Kölner Kongresses sein sollte.
Wir selber versprechen, all' unser Können in den Dienst
der Partei zu stellen.
Und damit Glück auf!
Auf eine treue Waffenbrüderschaft!
Es lebe die Sozialdemokratie!
Redaktion niiti ßp&tfiöii des „SoMtinskrat".
Der 19. Januar.
Ster ist wahrhaftig Jemand. der Piügel
WtbUJit har . . . man weih blos nlchr. wer.
Pickwick'- Dtencr.
Der 18. Januar war diesmal ein merkwürdiger Tag.
Nicht, weil er für Herrscherhäuser seine besondere
dynastische Bedeutung- hat — obwohl cs unter Umständen
auch für das Volk wichtig werden mag. daß „unliebsame
Zwischenfälle" auf] leicht erregbare Monarchen sicherlich
einen doppelt tiefen Eindruck machen, wenn sic gerade ans
den Tag stolzester Erinnerungen fallen.
Auch das ist am Ende nicht weiter bemcrkenswerth,
daß just um diesen Tag herum alle ehemals „reichstreuen"
Blätter der Provinz ihre Leser mit anarchistischen Grnsel-
nachrichten einseiften — sodaß man unwillkürlich zu der
Frage gedrängt wurde: Sollten hier ct>va die armen Angst-
philister allerorts nach einem gemeinsamen Plane über den
Löffel barbiert werden? Wozu und woher dieses eifrige
Zusammentragen von Zündstoff zu einem großen Scheiter
haufen der Freiheit der Arbeiter?
Und woher daS seltsame Zusammentreffen, daß gerade
am 16. Januar in dem Kernlande der Sozialdemokratie und
der Sozialistenfurcht die Erste Kammer sich mit dem be
rüchtigten „Nothruf" der sächsischen Gemeindevorstände gegen
die Arbeiterpartei beschäftigte? Was man ein paar Jahre
lang nur im Stillen zu wünschen wagte, das rief man
an diesem Tage zum ersten Male wieder in alle Himmels
richtungen hinaus: Ausnahmegesetze gegen die Sozialdemo
kratie! Ausnahmegesetze durch das Reich! Die Kammer
herren sind dem Bismarck'schen Rathe gefolgt: Schreien Sie!
Schreien Sie!
Und fast wird man an ein anderes Bismarck'sches Stich
wort erinnert, wenn man die Berliner Vorgänge vom 18. d.M.
ins Auge saßt. Richt vom Schreien handelt dieser Rath,
sondern vom Aderlässen. Man rufe einen Aufruhr hervor
und werfe dann den Pöbel nieder — .nach diesem Rezept
sollte JuleS Favre vor zwanzig Jahren mit dem Pariser
Proletariat fertig werden. . . .
Wiederholen wir kurz die Ereignisse!
Es ist eine Thatsache, daß die ArbeiMosenversammlüng
unter hervorragender Mitwirkung eines Polizeiagcnten genau
auf den preußischen Krönungstag einberufen wurde.
Es ist eine Thatsache, daß außer der gesummten Polizei
in Berlin auch Militärs davon unterrichtet waren, daß an
dem Tage „etwas passiren" würde.
Es ist eine Thatsache, daß der Einbcrnfer wie der in
Aussicht genommene Redner in der großen Arbcitslosenvcr-
sammluug nicht erschienen (ein in Arbciterkreiscn nie da
gewesener Fall!); fraglich ist nur, ob beide direkt oder in
direkt, durch einfache Zurückweisung an der Thür oder durch
drohende Verhaftung, seitens der Polizei daran verhindert
‘„vooxbew
1 Es ist weitn von keiner Seite bestritten, daß die Ver
sammlung, auch nachdem sie in so unerhörter Weise „nach
Hause geschickt" worden war, eine musterhafte Ruhe bewahrte.
Es ist endlich unumstößlich bewiesen, daß an diesem
Tage in den Säbeln und den Gummischläuchcn der UuU
sormirten und Geheimen ein unheimliches Leben erwachte —
obwohl thatsächlich von der Polizei bisher auch noch nicht
ein Fall bekannt gegeben werden konnte, wo irgend ein
Arbeiter durch seinen Widerstand einen Angriff heraus
gefordert hätte. Die Behörden „nntcrsnchen" noch, aber sie
werden nichts finden.
Und wenn wir endlich dem Metalldreher Brandt glauben
dürfen, so warnte der Polizcikommissar Römer schon lange
vor der Versammlung: „Brandt! Brandt! Gehen Sie nicht
in die Versammlung! Es giebt Leichen! ..."
Am Krönungstage die Straßenschlacht! In der Stunde,
wo die Kassandrarufe aus der sächsischen Ständekammer das
Ohr des Spießbürgers erreichten, auch die prompte Bestätigung
der prophetischen Worte durch den Berliner Draht, an dem
Herr Neuß sitzt, der gewöhnt ist, andere an das Messer zu
liefern, und der dafür in Kissingen dem Grafen Herbert
Bismarck die Ehre seiner Nachbarschaft erweisen durfte . . .
Wahrlich, entweder hat der Zufall an diesem Tage in seltsam
ingrimmiger Laune mit dem Leben und Glücke von Tausen
den und Millionen gespielt — oder das Spiel war folge
richtig angelegt. Und wenn es nicht so, wie cs berechnet
war, zu Ende ging, dann scheiterte es nwf an dem für alle
Gescllschaftsrettcr unzugänglichen und darum unberechenbaren
Faktor: an der organisirten Arbeiterschaft Berlins.
Man mag sie mit Spitzeln durchsetzen, so viel man
will — die Masse ist an diesen Drähten doch nicht mehr
zu bewegen. Massenaktionen entwachsen, bei freier Dis
kussion in Presse und Versammlungen und bei freier poli
tischer Bewegung überhaupt, dieser Beeinflussung von außen
ganz von selbst. Nur die Klubs und Konventikel werden
diesem Einfluß immer und immer wieder verfallen.
So herrscht denn nicht blos Rathlosigkeit, sondern
Heulen und Zähneklappern in den Kreisen derer, die nach
ihrer Meinung über „die besseren Revolver" verfügen. Daß
nach der Annäherung des Fürsten Bisnmrck an den Kaiser,
die zufällig gerade um diese Zeit von Friedrichsruhe aus
erfolgt sein muß. ein Adjutant und eine Flasche alten
Meines mit einer Bcsuchseinladung nach dem Sachsenwälde
gingen . . . wir glauben, man hatte eine andere Mission
für den Vater des Sozialistengesetzes in Aussicht -- in
Sachsen sowohl, wo die Bismarckschwärmerci wie die Sozial
demokratie zu Hanse ist. wie auch in Berlin, wo die vcr-
'stimmten Anhänger des allen Kurses geradezu auf eine Des
organisation in der Regierung hinarbeiten. Es sind wahr
haftig nicht blos die Landräthe in den Provinzen, die
frondircn.
Ob die Berliner Polizei allen fremden Einflüssen un
zugänglich ist? Sie untersucht im Augenblicke noch: sie
weiß nicht, wie c8 kam; sic weiß nur, daß sie noch nie in
eine so peinliche Lage gegenüber der gesammten Bürger-
18. Titelseite der ersten Nummer des Berliner „Sozialdemokrat"