Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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ausgeübt,  dessen  Entwurf  im
Januar  1896  zum  zweiten
Mal  an  den  Reichstag  gelangt ­
  war  und  nun  endlich
Gesetz  werden  sollte.  Die
sozialdemokratische  Fraktion
tat  ihr  bestes,  in  das  Bürgerliche ­
  Gesetzbuch  und  das  mit
ihm  verbundene  Einführungsgesetz ­
  soviel  Schutz
der  ärmeren  Volksklassen
und  speziellderArbeiterklasse
hineinzubringen,  als  nur
möglich.  Da  für  die  Annahme ­
  des  ganzen  Gesetzes
unter  Umständen  es  auf  jede
Stimme  ankam,  fanden  sie
soweit  Entgegenkommen,  daß
verschiedene  arbeiterfeindliche
Bestimmungen  aus  dem  Entwurf ­
  entfernt  wurden  und  in
bezug  auf  andere  Fragen  —
wie  eben  in  bezug  auf  dasVereinsrecht
  —  Abhilfe  durch
besondere  Gesetze  zugesichert
wurde.  Die  Bemühungen,
durch  das  Bürgerliche  Gesetzbuch  eine  Beseitigung  der  halbfeudalen  Gesindeordnung ­
  Preußens  und  anderer  Staaten  zu  erlangen,  scheiterte  am  Versagen  der
Freisinnigen.  Wohl  nahm  auf  Antrag  der  Sozialdemokratie  der  Reichstag
am  11.  Dezember  1896  fast  einstimmig  eine  Resolution  zugunsten  baldtunlichster ­
  einheitlicher  Gestaltung  des  Arbeitsvertrags  im  Deutschen  Reich
an,  aber,  wie  so  manches  andere  „bald",  hat  sich  auch  dieses  noch  nicht
„tun"  lassen.
Das  Bürgerliche  Gesetzbuch  ward  am  1.  Juli  1896  vom  Reichstag
mit  222  gegen  48  Stimmen  angenommen.  Die  Sozialdemokraten  stimmten
mit  Nein.  Sie  verkannten  nicht,  daß  in  der  Vereinheitlichung  des  bürgerlichen ­
  —  man  sollte  eigentlich  sagen,  des  sozialen  —  Rechts  ein  großer
Fortschritt  lag,  der  auch  für  die  Arbeiterklasse  von  Bedeutung  war.  Aber
das  Gesetzbuch  läßt  soviel  Anrecht  gewordenes  Recht  absterbender,  überflüssig ­
  oder  schädlich  gewordener  Klassen  stehen  und  verstößt  gegen  so  viele  Ansprüche ­
  der  arbeitenden  Volksklassen,  der  Frauen  und  insbesondere  der  besitzlosen ­
  Frauen,  daß  die  Vertreter  der  Partei  der  Arbeiter  nicht  die  Verantwortung ­
  für  diese  und  andere  Angerechtigkeiten  auf  sich  nehmen  mochten,
die  in  der  Zustimmung  zu  dem  Gesetz  lag.  ,  ,  .
Die  Ära  Lohenlohe  läutete  für  das  Deutsche  Reich  den  Eintritt  m
die  sogenannte  Weltpolitik  und  in  Verbindung  damit  die  gestrigere
Pflege  des  Marinismus  oder  Flottenchauvinismus  ein.  Anter  Eaprivl
hatte  dieser  verhältnismäßig  stille  Tage  gehabt.  1890/91  bette,  sich
Flottenetat  —  fortdauernde  und  einmalige  Ausgaben  zusammen  T

Äugen  auf!
Die  Volksfeinde  gehen  um.  Mit  Lügen,  Verleumdungen.  Der»
dächtigungen  aller  Art  geht  eine  Garde  Hausiren.  die  für  die  „Zuchthansoarlage"
  eintritt.
Von  wem  ist  diese  Lügen-Garde  bezahlt?
Von  den  Junkern  und  Junkergrnossen,  von  der  Unternehmecklasse,
von  den  Kapitalisten  jeder  Art.  Weshalb  werden  die  gelben  Hefte  und
die  numerirten  Flugblätter  mit  schwerem  Geld  von  der  Unternehmerklasse
  hergestellt  und  bezahlt?  Weil  die  Unternehmrrklasse  Stimmung
für  die  Entrechtung  und  Verknechtung  der  arbeitsthätigen  Bevölkerung»
im  Interesse  der  Großgrundbesitzer,  Schlotbarone.  Börsenleute.  kurz  der
Kapitalisten  jeder  Art  machen  will.
Die  kapitalistischen  Unternehmer  sind  die  wahren  {Imßntrgler.
Sie  wollen  allen  Arbeitenden  das  Uerfammlnugsrecht.  daS  ■
Neveinsrecht,  das  Wahlrecht  rauben.  Sie  streben  einen  gemeine
gefährlichen  Zukunftsstaat  an.
In  diesem  junkerlichen  Zukunft-staat  soll  der  tu  ehrlicher  Acbekt
sich  Abrackernde,  ohne  jegliches  Recht  sein  und  Sklave,  Arbeitsvieh
des  „gnädigen  Herrn"  Krautjunker  oder  Schlotbarons  werden.  Der
Arbeiter  —  ob  er  geistig  oder  körperlich  arbeitet,  ist  gleich  —  soll  im
Zukunftsstaat  der  konservativen,  freikonservativen  und  nationalliberalen
Kapitalisten  schlimmer  daran  sein  wie  ein  Packesel.  Keinerlei  Recht,
nur  die  Pflicht,  sich  zu  Gunsten  des  Kapitalisten  abzurackern,  soll
er  nach  dem  Wunsch  der  Unternehmerklasse  haben.
19.  Erste  Seite  eines  Flugblattes  gegen  die
Zuchthausvorlage
            
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