Kapitel I. Die Hedonisten.
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sondern daß der Zins der Preis für die Zeit ist; oder, anders
ansgedrückt, der Wertunterschied zwischen einem heutigen Gute
und demselben, aber zukünftigen Gute. Er ist die Tatsache
eines Austausches, des Tausches eines gegenwärtigen gegen ein zu
künftiges Gut. Denn 100 Fr., die in einem Jahre zahlbar sind,
sind nicht dasselbe wie 100 Fr., die heute gezahlt werden: die
Gleichwertigkeit wird nur wieder hergestellt, indem man auf die
Wagschale, die in einem Jahre die 100 Fr. erhalten soll, einen Wert
zuschuß legt, der Zins heißt, oder indem man von der Wagschale,
die heute die 100 Fr. trägt, einen Bruchteil hinweg nimmt, der Dis
kont genannt wird J ).
Was das Lohngesetz anlangt, nach dem der Lohn sich nach der
Produktivität des „Grenzarbeiters“ regelt, so ist es so wenig opti
mistisch, daß es, worauf wir schon hingewiesen haben, eher das
eherne Lohngesetz bestätigt, denn es besagt, daß der an letzter Stelle
angestellte Arbeiter — der, nach welchem der Unternehmer weiter
keinen mehr anstellt, weil jeder mehr angenommene ihm Verlust
bringen würde — nur gerade den Gegenwert seiner Unterhaltsmittel
erzeugt und erhält.
Kurz die hedonistische Schule hat keine Verteilungstheorie und
will auch keine haben: sie kennt keine Anteilhaber am Gesamt
produkt, sondern nur produktive Dienste, deren Wert sie berechnet.
Die Kenntnis des Teiles, der in Wirklichkeit dem Kapital oder der
Arbeit in jeder erzeugten Einheit zufällt, ist eins; etwas anderes
ist die Untersuchung, ob Kapitalisten oder Arbeiter ungerecht be
handelt werden.
Übrigens liegt der beste Beweis dafür, daß die Hedonisten
keineswegs das Laisser-faire befürworten, in der von ihren Führern
eingenommenen Haltung. Allerdings hat sich die österreichische
Schule ziemlich gleichgültig demgegenüber gezeigt, was man soziale
oder Arbeiterfrage nennt 2 )- Doch es war sicherlich ihr Recht, sich
*) Diese Theorie wird nicht von allen hedonistischen Yolkswirtschaftlern ange
nommen, besonders nicht von Waleas, der sie in der vierten Ausgabe seiner Eoo-
nomie pure kritisiert. In neueren Werken haben sich A. Landey in Interet
Hu Capital (1904) und Professor Ievinu Fisher in The rate of interest (1907)
bemüht, diese Theorie nicht gerade zu zerstören, aber doch sie durch eine noch tiefer
gehende Analyse der Gefühle zu verändern, die in jedem Individuum die Schätzung
seines zukünftigen Einkommens bestimmen. — Diese Schätzung (time preference)
ls t übrigens je nach der Vermögenslage eines jeden und noch anderer Umstände
verschieden.
*) Wir haben dies eben hinsichtlich der Theorie Böhm-Bawerk’s festgestellt.
Übrigens behält auch hierin die hedonistische Schule eine der Methoden der
klassischen Schule bei, auf die Coüecelle-Seneuii. und Chehbdliez mit Nachdruck
hingewiesen hatten: die Notwendigkeit, die Wissenschaft unbedingt von der Kunst,
die reine Ökonomik von der angewandten Ökonomie getrennt zu halten. Wie Pareto