614
Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.
Bedingungen, die dem Austausche zugrunde liegen, noch um die Folgen,
die er möglicherweise haben kann. So z. B. hat der Austausch
zwischen Jakob und Esau, bei dem dieser sein Erstgeburtsrecht für
ein Linsengericht abtrat, für beide, und nicht nur für Jakob, das
hedonistische Maximum, das mit den gegebenen Bedingungen ver
träglich war, verwirklicht: wird doch gesagt, daß Esau Hungers
starb 1 ), und war es in diesem Fall für ihn nicht äußerst vorteilhaft,
Nahrungsmittel zu erhalten? Und wenn Jakob ihm, anstatt der Linsen,
eine Flasche Absinth verkauft hätte, so würde vom hedonistischen
Gesichtspunkt aus der Tausch ebenso das Maximum an Befriedigung
verwirklicht haben, denn der Grenznutzen oder die Ophelimität haben
ebensowenig etwas mit der Hygiene wie mit der Moral zu schaffen.
Alles, was ein Hedonist in dem vorliegenden Falle sagen kann,
ist folgendes: wenn es anstatt eines einzigen mehrere Jakobs ge
geben hätte, die Linsen anboten, so würde Esau einen vorteilhafteren
Handel haben abschließen können 5 ). In diesem Sinne behauptet daher
die hedonistische Schule die Überlegenheit der Konkurrenz über das
Monopol. Sie gibt aber nicht vor, daß Esau nicht von Jakob aus
gebeutet worden sei, und hält es keineswegs für notwendig, daß in
den Gesellschaften nur Esaus und Jakobs existieren * 2 3 * ).
Ebenso erklärt v. Böhm-Bawerk hinsichtlich des Zinses ganz
ausdrücklich in der berühmten Theorie, die seinen Namen trägt, daß
er nur eine Erklärung der Tatsache des Zinses und nicht eine
Rechtfertigung suche. Böhm-Baweek kritisiert die normativen
Erklärungen des Zinses, die man seit Jahrhunderten zu finden ge
sucht hat. Er bemüht sich im besonderen, nachzuweisen, daß der
Zins weder eine Gewinnbeteiligung an der Produktivität des Kapitals
ist, noch. auch eine Mietszahlung für den Gebrauch des Kapitals,
noch ein von der Börse dem ausgebeuteten Borger auferlegter Tribut,
b Der Verfasser bezieht sich hier auf die franz. Bibelübersetzung, wahrscheinlich
die von L. Segohd, die I. Moses 25, 32 lautet; „Voici, je m’en vais monrir“ (Siehe
ich bin am Sterben). In der LoTHER’schen Übersetzung heißt es: „Siehe, ich muß
doch sterben“ und in der kritischen Bibelübersetzung von Kautzsch (2. Ausg. 1896),
„Ach, ich muß doch schließlich sterben“.
Bei den Schlußfolgerungen des Verfassers darf nicht vergessen werden, daß er
annimmt, Esau sei dem Tode nahe gewesen (Anm. d. Ubers).
2 ) Er könnte auch noch sagen, daß der Handel für Esau vorteilhafter ge
wesen wäre, wenn Jakob viel mehr Linsen gehabt hätte, als er überhaupt verbrauchen
konnte, denn, sogar unter der Herrschaft des Monopols sind für den Käufer günstige
Umstände möglich.
3 ) Vilfkedo Paheto sagt: „Zum Zwecke unserer Demonstration haben wir an
genommen, daß die wirtschaftlichen Güter in Besitz genommen sind. Es würde da
her eine petitio principii sein, wenn man aus dem eben bewiesenen Theorem den
Schluß ziehen wollte, daß die Besitzergreifung der wirtschaftlichen Güter
ein Maximum an Wohlstand hervorruft.