306 Zweiter systematisch-theoretischer Teil
des vorigen Jahrhunderts noch Getreideausfuhrland war und daß
man sich heute in den Vereinigten Staaten recht ernsthafte Ge-
danken über die weitere Entwicklung der Getreideversorgung aus
dem eigenen Boden bei steigender Volkszahl macht. Betont man
doch hier mit allem Nachdruck, daß bereits jetzt sich dort die
Intensivierung im Landbau nach dem Gesetz vom sinkenden Boden-
ertrag vollziehe ?).
Wenn man das Problem von dieser Seite aus betrachtet, dann
rückt es freilich aus dem engen Bereich des Nahrungsspielraumes
eines einzelnen Landes hinaus und erweitert sich zu der Frage,
welche Mengen an Roh- und Nahrungsstoffen die ganze Erde in
Zukunft noch zu bieten imstande sein wird. Immerhin mag es sein,
daß wenn die eben angedeutete Entwicklung sich in den bisherigen
Agrar- und Rohstoffstaaten vollzieht, einmal andere, heute noch un-
erschlossene Gebiete an die Stelle der heutigen Lieferanten von
Roh- und Nahrungsstoffen treten werden. Damit erweitert sich das
Problem zu der Frage nach der möglichen Maximalbevölkerung
der Erde, die noch an anderer Stelle zu erörtern ist. In diesem
Zusammenhang sei daher einstweilen nur das folgende darüber gesagt.
Es unterliegt keinem Zweifel — darüber gibt es auch keine
Meinungsverschiedenheiten —, daß die Menge an Nahrungs- und
Rohstoffen begrenzt ist, daß also auch die eben betonte Arbeits-
teilung zwischen Agrar- und Industriestaaten bei fortdauerndem
Volkswachstum einmal ihr Ende finden muß. In dieser künftigen
Versorgung der heutigen Industriestaaten mit MNahrungs-2 und
Rohstoffen liegt das Problem der Zukunft und nicht in] der
weiteren Gestaltung der Ausfuhr von Fabrikaten, wenngleich
beides natürlich eng zusammenhängt. Auch von anderen Seiten
hat man neuerdings diese Seite des Problems vor allem be-
tont. So meint z. B. Sombart, daß eine Rückbildung in den
Strukturverhältnissen der europäischen Länder in ihrer Volkswirt-
schaft zugunsten der Landwirtschaft stattfinden werde, weil der
Industrieexport der europäischen Staaten sich verlangsamen müsse;
den Grund für diese letztere Entwicklung sieht er jedoch in der
Tatsache, daß die bisherigen Rohstoff- und Agrarstaaten in der
Zukunft keine Gegenwerte für die einzuführenden Industrieerzeug-
nisse zu bieten haben werden, daß also hier die Tendenz einer
Verringerung für die Nahrungs- und Rohstoffexporte eintreten wird ?).
1 East, a. a. O,, S. 1558,
?) Sombart, Die Wandlungen des Kapitalismus, Weltwirtschaftl. Archiv, Bd, 28,
5, 247.