4. Kap. Volkszahl und Nahrungsspielraum in ihrem Zusammenhang usw. 439
bewirtschaften wie vorher und von der Selbstbewirtschaftung zu einer
Art von Pachtsystem überzugehen *).
Dieser Zusammenhang zwischen Nahrungsspielraum, Volkszahl
und sozialer Ordnung gilt jedoch keineswegs allein von der agraren
Verfassung. Schon Schüz hat gesagt: „Das Maß der unter einem
Volk vorhandenen Existenzmittel aber bestimmt die Größe der Be-
völkerung nicht allein; sondern diese Größe hängt wesentlich auch
von der Verteilung des Vermögens und Einkommens ab“*); am
stärksten hat ja wohl Sismondi diesen Zusammenhang betont,
Freilich können hierbei — um nur wenige Möglichkeiten heraus-
zugreifen — verschiedene Tendenzen einander gegenübertreten. Man
hat schon darauf hingewiesen, daß eine durch Lohnsteigerungen
herbeigeführte stärkere Gleichmäßigkeit der Einkommensverteilung
dahin führen könne, daß größere Teile des Volkseinkommens ver-
braucht werden, also geringere Teile desselben als es sonst der Fall
wäre, zur Kapitalneubildung übrig bleiben, und daß damit ein un-
günstiger Einfluß auf die Größe des Nahrungsspielraumes und zwar
sowohl auf den außen- wie auf den innenbedingten Teil desselben
ausgeübt werden könne. Demgegenüber steht aber dann als ent-
gegengesetzt wirksame Kraft die bekannte Tatsache, daß Lohn-
steigerungen den wirtschaftlichen und technischen Fortschritt be-
fördern und damit die wirtschaftlichen Leistungen eines Landes auf
eine höhere Stufe heben können. Schon Dühring hat darauf hin-
gewiesen ®), daß die Wandlungen in der Stellung des Arbeiters einen
wesentlichen Einfluß auf die Bevölkerungskapazität eines
Landes ausüben. Ein solcher Unterschied sei schon in dem Gegen-
satz von Sklaverei und entlohnter Arbeit vorhanden. „Hierdurch
werden die Lebensbedingungen der untersten Schicht sozial erweitert
und diese gesellschaftliche Verfassungsänderung steigert in dem
Maße, als sie sich vollzieht, den Bevölkerungsspielraum.“ Auch Lohn-
steigerungen können seiner Meinung nach die gleiche Wirkung haben,
da sie den Schwerpunkt der Industrie immer mehr in den eigenen
Markt verlegen, der durch die breitesten Schichten des Volkes ge-
bildet wird. Es ist hier nicht der Ort, näher auf diese Zusammen-
hänge einzugehen; es kam mir vielmehr nur darauf an, mit wenigen
Worten auf diese Beziehungen zwischen Volkszahl, Nahrungsspielraum
und gesellschaftlicher Ordnung hinzuweisen. Was hier darüber ge-
sagt wurde, könnte noch durch mancherlei andere Hinweise ergänzt
ol] Ochenowski, England, a. a. O., S. 14.
2) Grundsätze, a. a. O., S. 266.
3) Cursus, a. a. O., S. 116,