175
die gegen die erneute Flottenvermehrung ihre Stimme erhoben. Es
sind dies die Versammlungen, die bekannte Gelehrte und nationalistische
Politiker als Anwälte der Flottenvermehrung auftreten sahen, ohne daß es
jedoch diesen „Flottenprofessoren" gelang, die Berliner Arbeiter umzustimmen.
Die überall gegen vereinzelte Stimmen beschlossene Resolution begründete
die Verwerfung mit dem Linweis, daß das Ergebnis der Vermehrung der
Flotte erhöhte Reibungen mit anderen Ländern und erhöhte Steuern für
das Volk bedeuten werde.
Gegen eine damals an den preußischen Landtag gelangte und von
diesem auch zum Gesetz erhobene Steuervorlage, die die Geschäfts
umsätze der Warenhäuser einer Sondersteuer unterwirft, protestierten
am 9. März 1900 die Landelsangestellten Berlins in einer Massen
versammlung.
In den Jahren 1901, 1902 und 1903 sind es die Vorgänge, die sich
an die Vorberatung, Beratung und Durchpeitschung des neuen Zoll
tarifs knüpfen, welche Protestversammlungen der Berliner Arbeiterschaft
zur Folge haben. Schon gleich nachdem die ersten Nachrichten über die
Zollerhöhungen bekannt wurden, welche der im Reichsschatzamt ausgearbeitete
Tarifentwurf dem Reichstag vorschlagen sollte, nahmen die Arbeiter Berlins
am 21. Januar 1901 in 26 Volksversammlungen Resolutionen gegen die
geplante Erhöhung der Getreidezölle an, in denen die Lebcnsmittel-
zölle als die schwerste und ungerechtfertigteste Belastung des Volkes, sowie
als Erschwerungen des Güteraustausches der Nationen bezeichnet wurden
und ihre gänzliche Beseitigung gefordert wurde. Am 20. September 1901
fand eine Protestversammlung von Arbeiterfrauen statt gegen die Ver
teuerung von Milch und Fleisch durch agrarische Ringe und die von den
Agrariern erwirkten Grenzsperren; das Aufschnellen der Fleischpreise während
des Jahres 1902 führte im Äerbst 1902 zu verstärkten Protestäußerungen
in diesem Sinne. Am 11. September 1902 fanden in Berlin 17 Protest
versammlungen größten Stils statt, in denen eine sehr starke Erbitterung
über den „FleischWucher" zutage trat und erneuter Protest gegen die
neuen Lebensmittelzölle erhoben wurde; Versammlungen gleichen Charakters
folgten im zweiten Teil des September und im Oktober in Vororten und
Nachbarorten, und am 10. November beschäftigten sich aufs neue zehn
große Versammlungen in Berlin mit der Abwehr gegen die Verteuerung
der Lebensmittel unter Betonung des Werts der Arbeiterkonsumvereine in
diesem Kampfe. Am letztgenannten Tage und am 11. November fanden
außerdem zwei große Arbciterinnenversammlungen statt, in denen die Vor
kämpferin der österreichischen Arbeiterinnen, Frau Adelheid Popp aus
Wien, referierte und die gleichfalls das Thema der Fleischnot auf der
Tagesordnung hatten.
Mittlerweile hatten die Kämpfe um den Zolltarif im Reichstag zur
gewaltsamen Abänderung der Geschäftsordnung durch die schutz-
zöllnerische Reichstagsmehrheit geführt. Sie ward von der Sozialdemokratie
Berlins mit einem Massenprotest beantwortet, der das bis dahin größte
Aufgebot für eine Aktion dieser Art in Bewegung brachte. In 28 Volks
versammlungen, die sämtlich vor Beginn überfüllt waren, protestierte am
4. Dezember 1902 die Arbeiterschaft Berlins gegen die verfassungswidrige
Zerttümmerung der Geschäftsordnung des Reichstags, durch die eine er-