Full text: Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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Zenkralverbände verlangte, welche in bezug auf die Maifeier sich den 
Beschlüssen der internationalen Kongresse zu entziehen suchten oder ihnen 
direkt entgegenhandelten. In der Tat zeigte sich, während die internationalen 
sozialistischen Kongresse die Feier des 1. Mai durch Arbeitsruhe immer 
stärker betonten, in den Reihen der führenden Gewerkschaftsvertreter eine 
gewisse LInlust, zur Arbeitsruhc aufzufordern oder zu ermutigen. Man fand, 
daß diese den Organisationen Opfer auferlege, mit denen ihr propagan 
distischer Effekt in keinem Verhältnis stehe. An die Arbeitsruhe knüpften 
sich stets Kämpfe mit den Unternehmern, die nun, wo man von Organisation 
zu Organisation über Tarife verhandelte, vom reinen Gewerkschaftsstand- 
Punkt aus als zwecklos oder störend erschienen. 
Aus dem am 8. September 190 l tagenden Parteitag für die Provinz 
Brandenburg konnte festgestellt werden, daß die 1899 für die Agitation 
unter der Landbevölkerung von der Agitationskommission ins Leben gerufene 
Monatszeitung „Die Fackel," nachdem sie in den ersten 13 Monaten 
ihres Bestehens in 141 000 Exemplaren verbreitet worden war, in den 
darauf folgenden 11 Monaten einen Absah von 148 000 Exemplaren 
gefunden hatte. Im übrigen besprach diese, von 6p Delegierten aus 
26 Wahlkreisen besuchte Konferenz die Vorarbeiten für die Beteiligung 
an den kommenden preußischen Landtagswahlen. Trotzdem Berlin bis 
zuletzt gegen die Beteiligung sich erklärt hatte, nahm man, nachdem die 
Partei endgültig es den Parteigenossen zur Pflicht gemacht hatte, in den 
Wahlkampf einzutreten, loyal die Durchführung dieses Beschlusses in die 
Land und rüstete rechtzeitig, um es nun auch im Kampf an nichts fehlen 
zu lassen. 
Die Beschlüsse des Lübecker Parteitags wurden bei der Bericht 
erstattung über diesen in allen Berliner Wahlkreisen mit Befriedigung ent 
gegengenommen. Zu Ehren der österreichischen Parteimitglieder Viktor 
Adler und Engelbert Pernerstorfer, die dem Lübecker Parteitag bei 
gewohnt hatten und auf der Rückreise einige Tage in Berlin verweilten, 
fanden zwei große Volksversammlungen statt, die eine am 30. Sep 
tember im Saal zum Eiskeller, die andere am 1. Oktober im Saal der 
Bockbrauerei. Linker gespannter Aufmerksamkeit schilderten die beiden Ver 
treter der österreichischen Arbeiterschaft, denen selbstverständlich ein begeisterter 
Empfang bereitet wurde, den Berliner Arbeitern die Kämpfe und Kampf 
bedingungen der Sozialdemokratie in der Habsburgischen Monarchie. Das 
Jahr 1902 fand die Sozialdemokratie Berlins schon stark von dem Ausblick 
auf die im Jahre 1903 fällig werdenden Neuwahlen für Reichstag und 
Landtag beherrscht, und außerdem fesselte der im Reichstag geführte Kampf 
wider die Zolltarifvorlage der Regierung mit den erhöhten Zöllen auf 
Lebensmittel wiederholt ihre Aufmerksamkeit. Die Versammlungen, zu 
denen er Anlaß gab, trugen indes ausschließlich Demonstrationscharakter 
und gehören daher in ein anderes Kapitel. In den Wahlkreiskonferenzen 
sind es hauptsächlich Detailfragen der Agitation und Organisation, welche die 
Verhandlungen ausfüllen. Streitfragen von grundsätzlicher Bedeutung treten 
in diesem Kampfjahr nicht in den Vordergrund, doch verdient es erwähnt zu 
werden, daß in den Wahlkreisversammlungen, die sich — am 21. August — 
mit der Provinzialkonferenz und dem Parteitag für 1902 befassen, Anträge 
gestellt werden, die verlangen, daß die Frage des Kampfes wider den
	        
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