Full text: Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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solche Antwort mußte bei den letzteren den Beschluß noch befestigen, die 
Liberalen ihrem Schicksal zu überlassen. Sie konnten den Drang zur Reform 
des Wahlrechts bei Leuten unmöglich ernst nehmen, die sich so engherzig 
auf den Buchstaben eben dieses Wahlrechts steiften. Es fehlte in den 
Reihen der Liberalen nicht an Leuten, die von der Antwort ihres Wahl 
ausschusses wenig erbaut waren und bis zum letzten Moment sich bemühten, 
eine Änderung herbeizuführen — noch am Tage der Abgeordnetenwahl 
versuchten die Linksfreisinnigen Dr. Allstem und Fabrikbesitzer Stern eine 
liberale Wahlmännerversammlung, die in der nächsten Nachbarschaft des 
Wahllokals tagte, in diesem Sinne zu bearbeiten, — aber alle diese Schritte 
erwiesen sich als vergeblich, und ebenso vergeblich waren Vermittlungs 
versuche der Professoren Delbrück, Lißt und anderer. 
Trotz alledem sollte gerade im Kreise Teltow-Bceskow-Charlottenburg 
das Eingreifen der Sozialdemokratie dem elenden Wahlsystem einen kräftigen 
Stoß versetzen. 
Für die Abgeordnetenwahl hatte die Regierung das Lokal „Neue 
Welt" in der Lasenheide im Hinblick auf dessen großen Saal gewählt, der 
aber auch nur knapp hinreichte, die 2500 Wahlmänner zu fassen. Der 
Landrat des Kreises Teltow, von Stubenrauch, amtierte als Wahlkommissar 
und hatte, um seinen Willen zur Anparteilichkeit zu dokumentieren, auch 
zwei Sozialdemokraten, die Stadtverordneten Jäger und Wuhky-Rixdorf, 
ins Wahlbureau berufen. Ein starkes Aufgebot von Schutzleuten umgab 
das Lokal. Doch ließen die sozialdemokratischen Wahlmänner, die hier, 
wie in den Berliner Wahlkreisen, die ersten am Platze waren, es nicht zu, 
daß Polizisten in Aniform im Wahllokale selbst sich aufpflanzten. Schon 
bei der Prüfung der Wahlmännermandate kam es zu erregten Szenen, 
die aber noch beschwichtigt werden konnten. Am 1 l 2 l\ Ahr vormittags 
begann der eigentliche Wahlakt, und mit großem Jubel ward es von seiten 
der Sozialdemokraten begrüßt, als der erste Wahlmann, der aufgerufen 
wurde, seine Stimme für die Kandidaten Hirsch und Zubeil abgab. Dann 
ging der Wahlakt weiter und es zeigte sich bald, daß er viel Zeit in An 
spruch nehmen sollte. 2600 Wahlmänner nacheinander einzeln aufrufen, 
warten, bis sie an den Tisch treten und ihre Stimme protokollieren, das 
ließ sich nicht in ein paar Stunden erledigen, zumal die sozialdemokratischen 
Wähler gar kein Interesse daran hatten, den Wahlakt zu beschleunigen, 
wohl aber ein sehr großes Interesse, das Wahlsystem mit seinen An- 
geheuerlichkeiten unmöglich zu machen. Die meisten hatten sich genügend 
verproviantiert, um zur Not den ganzen Tag im Wahllokal zubringen zu 
können, und übereilten sich nicht gerade, wenn der Ruf an sie kam, mit dem 
Vortreten und Wählen. Nach und nach ward Herr von Stubenrauch, der 
gewöhnlich sich durch seine kaltblütige Ruhe auszuzeichnen pflegte, nervös 
und nervöser, und schließlich ging er unter lautem Protest der Sozial 
demokraten dazu über, zu gleicher Zeit mehrere Wahlmänner aufzurufen 
und, wenn Wahlmänner nicht schnell genug vortraten, außer der Reihe zu 
rufen. Das widersprach dem Reglement und veranlaßte, als Einsprachen 
nichts fruchteten, die sozialdemokratischen Beisitzer, das Wahlbureau zu ver 
lassen. Aber cs half selbst nicht allzuviel; denn nun ward es im Wahl 
lokal immer unruhiger, und die sozialdemokratischen Wahlmänner konnte 
man nicht zwingen, im Sturmschritt an den Wahltisch zu laufen, ganz
	        
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