fullscreen: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Das Problem der Grundlegung der Geisteswissenschaften. 507 
die dem zeitlichen Werden und Wandel entrückt sind? Die Ueber- 
lieferung verliert jede Beweiskraft, wenn es nicht gelingt, einen 
Prüfstein zu finden, der unter ihrer bunten und widerspruchs- 
vollen Mannigfaltigkeit eine Sichtung und Auswahl vollzieht, der 
den echten Sinn und Gehalt von dem fremden Stoff, der sich an 
ihn herandrängt, scheidet. In diesem Grundgedanken ist Bayle 
Cartesianer geblieben: der Wahrheitswert, den er dem Ge- 
schichtlichen zugesteht, hängt auch ihm von rein rationalen 
Erwägungen und Kennzeichen ab. Schon hieraus ergibt sich seine 
historische Sonderstellung: die skeptische Lehrverfassung beginnt 
bei ihm mit einer Behauptung und Vertiefung der Befugnisse der 
Vernunft. Das „natürliche Licht“ oder die „allgemeinen Prin- 
zipien unserer Erkenntnis“ sind die höchste Instanz, vor der 
jedes Zeugnis der Tradition, vor der insbesondere jede Auslegung 
ler Schrift sich rechtfertigen muss. Die katholische Kirche selbst 
muss diesen Sachverhalt, wie sehr er ihrer unbedingten Autorität 
Abbruch tut, wider Willen anerkennen. In der Tat, was anderes 
ıst die unermessliche logische Einzelarbeit, die die Scholastik an 
len Glaubenssätzen vollzogen hat, um sie in sich selbst einstimmig 
and zusammenhängend zu machen, als ein notwendiger und unge- 
wollter Tribut an die Vernunft? Der innerste Widerspruch der 
mittelalterlichen Philosophie: dass sie in ihrer Methode aner- 
kennen muss, was sie in ihrem Ergebnis leugnet, wird hier von 
Bayle in vorbildlicher Klarheit erkannt und ausgesprochen. „Man 
sage nicht mehr, dass die Theologie die Königin und die Philosophie 
ihre Magd sei: bezeugen es doch die Theologen selbst durch die Tat, 
dass sie umgekehrt die Philosophie als die Herrscherin ansehen, 
der sie zu dienen haben. Hieraus allein erklären sich alle Anstren- 
gungen und Verrenkungen, die sie ihrem Verstande nur deshalb zu- 
muten, um dem Vorwurf zu entgehen, dass sie sich gegen die ge- 
sunde Philosophie versündigen. Wenn sie die Prinzipien der 
Philosophie abzuändern suchen, wenn sie, je nachdem sie ihre 
Rechnung dabei finden, bald diesen, bald jenen ihrer Grundsätze 
entwerten, so gestehen sie damit nur mittelbar die Ueberlegenheit 
der Philosophie zu, so zeigen sie, wie unabweislich die Notwendig- 
keit ist, ihr den Hof zu machen. Sie würden nicht solche Mühe 
darauf wenden, sich bei ihr in Gunst zu setzen und mit ihren 
Gesetzen in Einklang zu bleiben, wenn sie nicht anerkennten. dass
	        
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