Full text : Vorschläge zur Förderung der Versicherungs-Wissenschaft

Florschiitz,  Unterricht  in  Versicherungfunediziii.

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therapeutischer  Richtung  zu  arbeiten  gelernt  haben  und  ihnen  am
Krankenbett  der  Klinik  die  Krankheit  ein  wesentlicherer  Begriff  geworden ­
  ist  als  der  ganze  Mensch.  Es  muß  ihnen  erst  gelehrt  werden,
worauf  die  Lebensversicherung  bei  ihren  Untersuchungen  Wert  legt,
denn  wohin  soll  diese  kommen,  wenn  jene  Lehren  folgen,  die  für
die  Lebensversicherung  geradezu  gefährlich  werden  müssen.  Ich
erinnere  hier  nur  an  die  Angriffe,  denen  diese  bis  in  die  jüngste  Zeit
hinein  von  seiten  der  Bakteriologen  ausgesetzt  war,  weil  sie  einen
veralteten  Standpunkt  einnähme  und  der  Erblichkeit  und  Disposition
eine  zu  große  Wichtigkeit  bei  der  Auswahl  der  Risiken  zuerkenne,
ja  diesen  in  bezug  auf  die  Nachkommen  tuberkulöser  Eltern  geradezu
als  einem  Dogma  folge,  an  dem  die  Ära  der  Infektionstheorie  der
Tuberkulose  nicht  das  mindeste  zu  mildern  vermocht  hätte.  Hier
muß  z.  B.  den  Vertrauensärzten  gesagt  werden,  daß  die  Lebensversicherungsmedizin ­
  das  in  ihren  Rechnungen  immer  als  zufällig
behandelte  Moment  der  Krankheitsauslösung  auch  nach  wie  vor
der  Tuberkulose  gegenüber  als  zufällig  zu  behandeln  hat;  daß  sie  nicht
die  Frage  interessiert,  ob  das  Trinken  der  Milch  von  perlsüchtigen
Kühen  oder  der  Verkehr  mit  Schwindsüchtigen  das  Ilauptmoment
der  Krankheitsauslösung  ist,  daß  für  sie  nur  die  Frage  von  Wert  ist,
welche  Konstitutionszustände  rufen  am  Individuum  die  Veranlagung
zur  Schwindsucht  hervor,  und  welches  sind  die  Wege,  sie  am  Individuum ­
  zu  erkennen.  Denn  unerschütterlich  hält  sie  an  dem  Standpunkt ­
  fest,  daß  nicht  die  Infektion  allein  imstande  ist,  eine  Erkrankung ­
  hervorzurufen,  daß  dazu  vor  allem  gehört,  daß  das  infizierte
Individuum  auch  erkrankungsfähig  ist.  Diese  Krankheitsanlage
war  und  ist  ihr  der  Begriff,  um  den  sich  für  sie  alles  dreht,  die
Widerstandskraft  des  Individuums  im  Kampfe  gegen  die  krankheitsauslösende
  Energie  des  Erregers.  Zu  sagen,  worauf  diese  beruht,
ist  mehr,  als  die  Versicherungsmedizin  kann,  aber  nie  war  ihr  die
Heredität  und  die  Disposition  »eine  Krücke  der  Faulheit!«,  sondern
nur  stets  die  Quelle  des  Studiums,  und  so  haben  zahlreiche  statistische ­
  Arbeiten  bereits  zu  Resultaten  geführt,  die  gebieterisch
darauf  dringen,  daß  dem  allgemeinen  Habitus  bei  der  vertrauensärztlichen ­
  Untersuchung  nach  wie  vor  die  allergrößte  Aufmerksamkeit
zuzuwenden  ist.
Und  wie  wird  gerade  er  von  den  Vertrauensärzten  so  häufig
als  chose  négligeable  behandelt!  Eine  wie  beredte  Sprache  sprechen
hier  unsere  Formulare,  das  einzige  Mittel,  mit  dem  wir  auf  die
Vertrauensärzte  einwirken  und  ihnen  unsere  Wünsche  übermitteln
können.  Sollte  man  nicht  meinen,  daß  hier  eine  einfache  Frage  genügen ­
  müßte,  um  eine  brauchbare  Antwort  zu  erhalten,  da  doch
jeder  Arzt  weiß,  daß  man  selbst  am  Krankenbett  die  Prognose  nur
in  den  wenigsten  Fällen  aus  dem  Befunde  allein  stellen  kann,  daß
in  den  meisten  Fällen  der  allgemeine  Eindruck,  der  allgemeine  Status
das  für  die  Prognose  in  erster  Linie  mitentscheidende  Moment  ist.
Ein  Heer  von  Unterfragen  wird  notwendig,  deren  Zusammenfassung
erst  ein  Urteil  über  den  Habitus  gestattet,  und  auch  die  Einführung
der  körperlichen  Messungen  hat  keine  durchgreifende  Änderung  ge-
            
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