Florschiitz, Unterricht in Versicherungfunediziii.
23
therapeutischer Richtung zu arbeiten gelernt haben und ihnen am
Krankenbett der Klinik die Krankheit ein wesentlicherer Begriff geworden
ist als der ganze Mensch. Es muß ihnen erst gelehrt werden,
worauf die Lebensversicherung bei ihren Untersuchungen Wert legt,
denn wohin soll diese kommen, wenn jene Lehren folgen, die für
die Lebensversicherung geradezu gefährlich werden müssen. Ich
erinnere hier nur an die Angriffe, denen diese bis in die jüngste Zeit
hinein von seiten der Bakteriologen ausgesetzt war, weil sie einen
veralteten Standpunkt einnähme und der Erblichkeit und Disposition
eine zu große Wichtigkeit bei der Auswahl der Risiken zuerkenne,
ja diesen in bezug auf die Nachkommen tuberkulöser Eltern geradezu
als einem Dogma folge, an dem die Ära der Infektionstheorie der
Tuberkulose nicht das mindeste zu mildern vermocht hätte. Hier
muß z. B. den Vertrauensärzten gesagt werden, daß die Lebensversicherungsmedizin
das in ihren Rechnungen immer als zufällig
behandelte Moment der Krankheitsauslösung auch nach wie vor
der Tuberkulose gegenüber als zufällig zu behandeln hat; daß sie nicht
die Frage interessiert, ob das Trinken der Milch von perlsüchtigen
Kühen oder der Verkehr mit Schwindsüchtigen das Ilauptmoment
der Krankheitsauslösung ist, daß für sie nur die Frage von Wert ist,
welche Konstitutionszustände rufen am Individuum die Veranlagung
zur Schwindsucht hervor, und welches sind die Wege, sie am Individuum
zu erkennen. Denn unerschütterlich hält sie an dem Standpunkt
fest, daß nicht die Infektion allein imstande ist, eine Erkrankung
hervorzurufen, daß dazu vor allem gehört, daß das infizierte
Individuum auch erkrankungsfähig ist. Diese Krankheitsanlage
war und ist ihr der Begriff, um den sich für sie alles dreht, die
Widerstandskraft des Individuums im Kampfe gegen die krankheitsauslösende
Energie des Erregers. Zu sagen, worauf diese beruht,
ist mehr, als die Versicherungsmedizin kann, aber nie war ihr die
Heredität und die Disposition »eine Krücke der Faulheit!«, sondern
nur stets die Quelle des Studiums, und so haben zahlreiche statistische
Arbeiten bereits zu Resultaten geführt, die gebieterisch
darauf dringen, daß dem allgemeinen Habitus bei der vertrauensärztlichen
Untersuchung nach wie vor die allergrößte Aufmerksamkeit
zuzuwenden ist.
Und wie wird gerade er von den Vertrauensärzten so häufig
als chose négligeable behandelt! Eine wie beredte Sprache sprechen
hier unsere Formulare, das einzige Mittel, mit dem wir auf die
Vertrauensärzte einwirken und ihnen unsere Wünsche übermitteln
können. Sollte man nicht meinen, daß hier eine einfache Frage genügen
müßte, um eine brauchbare Antwort zu erhalten, da doch
jeder Arzt weiß, daß man selbst am Krankenbett die Prognose nur
in den wenigsten Fällen aus dem Befunde allein stellen kann, daß
in den meisten Fällen der allgemeine Eindruck, der allgemeine Status
das für die Prognose in erster Linie mitentscheidende Moment ist.
Ein Heer von Unterfragen wird notwendig, deren Zusammenfassung
erst ein Urteil über den Habitus gestattet, und auch die Einführung
der körperlichen Messungen hat keine durchgreifende Änderung ge-