Dr. Bleicher. Unger.
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daß der Jurist vertieft werden müsse in seinen Kenntnissen durch
das praktische Leben, indem er die Einrichtungen der Industrie,
des Bankgeschäftes usw. kennen lernt. Gerade das Versicherungsgebiet
ist so schwierig, wie auch vorhin von Herrn Dr. Moldenhauer,
wenn ich richtig verstanden habe, betont wurde, daß es von einem
Nichtfachmann schwer verstanden wird.
Was speziell die Versicherungsmathematik betrifft, so glaube
ich, daß gerade auf mathematischem Gebiete noch sehr viel verbessert
werden kann. Die Versicherungsmathematiker sind bisher herzlich
schlecht gestellt gewesen. Ich spreche nicht von der Privatversicherung,
wo sie auch jetzt schon eine höhere Stellung innehaben,
wenn auch noch lange nicht die Stellung, die sie speziell in
England, Belgien und Amerika einnehmen. Aber besonders möchte
ich darauf hinweisen, daß die Mathematiker bei den Reichs- und
Staatsbehörden noch immer im Hintertreffen sind. M. H., mögen
die Versicherungsgesellschaften fleißig arbeiten auf dem Gebiete der
Versicherungswissenschaft, sie sind ja die berufensten Träger derselben,
indem sie das meiste Material zur Verfügung haben und
auch dank ihrer finanziellen Grundlage imstande sind, finanziell die
Sache zu fördern. Aber vor allem müssen die Reichs- und Staatsbehörden
auch imstande sein, der Sache voll und ganz zu folgen
und innerhalb ihres Kreises intensiv dafür einzutreten, und das ist
nicht möglich bei der heutigen Stellung und Vertretung der Versicherungsmathematik
innerhalb der Behörden.
Ich habe mir gestattet, vor kurzem in der »Arbeiter-Versorgung«
einen kleinen Aufsatz zu veröffentlichen. Ich habe leider nicht alle
Zahlen im Gedächtnis, weil ich nicht wußte, wie die heutige Diskussion
sich gestalten würde. Die Reichsregierung ist ja jetzt
dankenswert vorgegangen, indem sie im Reichsamt des Innern als
Vortragenden Rat einen Mathematiker angestellt hat, und auch im
Reichs-Versicherungsamt steht ein Mathematiker in leitender Stellung,
der entsprechend finanziell gestellt ist. Aber gerade die Beamten
der Rechnungsstelle des Reichs-Versicherungsamts sind dermaßen
gestellt, daß von einer Pflege der Versicherungswissenschaft nur die
Rede sein kann, wenn die betreffenden Herren sich persönlich dafür
interessieren und auf opfern. Es ist nicht möglich, daß bei den
Gehältern, die dort gezahlt werden, sich mathematisch vor gebildete
Versicherungsverständige melden, die tatsächlich wissenschaftlich auf
diesem Gebiete tätig sein können. Bei einem Gehalte, wenn ich
nicht irre — ich habe es nicht genau im Gedächtnis — von 2400
bis 4800 Mark können sich nur angehende Versicherungsmathematiker
dazu melden, und das ist sehr bedauerlich. Bedenken Sie das
große Gebiet der Arbeiterversicherung, das durch diese Rechnungsstelle
geht, besonders die Unfall- und Invalidenversicherung, ferner,
daß die Rechnungsstelle die Zentralstelle für mathematisch-statistische
Forschung auf dem Gebiete der Arbeiterversicherung ist. Diese
Stelle ist tatsächlich in ihrem Bestände zurückgegangen; es waren
ursprünglich, wenn ich nicht irre, sieben Mathematiker bei der
Rechnungsstelle tätig, jetzt sind es nur noch drei Herren.