70 Viertes Kapitel. Das griechische Wirtschaftssystem.
das, wie es scheint, aus dem Orient von den Griechen übernommen
wurde; von denen erhielten es die Römer, diese haben
es wieder uns überliefert. Wenn jemand mit fremdem Geld ein
Geschäft über See ausführte, so fand vielfach eine Teilung des
Risikos zwischen Gläubiger und Schuldner statt. Während normalerweise
eine feste Summe vereinbart wurde, war der Schuldner,
falls das Schiff unterging, jeder Verpflichtung los und
ledig, d. h. es war für diesen Fall der Vertrag auf Anteil festgesetzt.
Da das Risiko des Gläubigers beim Seedarlehn groß war,
nahm er einen höheren Zins, der gewissermaßen eine Versicherungsprämie
darstellte. Wenn einer verschiedenen Schiffern Geld lieh,
mußte er die Verluste bei einigen durch die höheren Einnahmen
von den anderen ausgleichen. Die Sicherung des Gläubigers für den
Fall, daß das Schiff den Bestimmungsort erreichte, war meist eine besonders
gute, in erster Reihe Realkredit. Daß diese Seedarlehen
dazu führten, Schiffe absichtlich zum Scheitern zu bringen, wovon
uns z. B. Demosthenes berichtet, und andere Gaunerkniffe zu versuchen,
an denen der griechische Erfindungsgeist so reich war, kann
uns nicht wundernehmen. Auf diesem Gebiete ließ sich besonders
viel Geld verdienen; aber auch die Bodenspekulation war entwickelt.
Da die Metöken, die in Athen kein Grundeigentum erwerben konnten,
oft sehr wohlhabend waren, erschien es lukrativ, größere Zinshäuser
zu bauen, daneben gab es selbstverständlich, sowohl in den größeren
als auch in den kleineren Städten, zahlreiche Wohnungen für Arbeiter
und Handwerker (Äschines, Gegen Timarchos 50).
Die im vorliegenden Kapitel erwähnte Änderung der Berufseh
re nahm auch in dieser Periode ihren Fortgang. Immer mehr
wurde in den Handels- und Industriestädten die Landwirtschaft
zurückgedrängt, immer mehr erschien die ihr erwiesene Achtung
als eine traditionelle Form. Auch in unsern Zeiten kennen wir
in Staaten, die ein sehr starkes kommerzielles und industrielles
Gepräge tragen, eine solche Wertschätzung der Landwirtschaft, so
nahm z. B. Fürst Bülow am 14. März 1907, wie die Zeitungen
berichteten, die Gelegenheit wahr, feierlich zu erklären: „Die Regierungen
verstehn und würdigen die Bedeutung der Landwirtschaft.
Dies tut auch der Kaiser. Seine Söhne hatten in Plön
einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb; dort hatte ein Häuschen die
Inschrift: „Nichts ist besser und des freien Mannes würdiger als
die Landwirtschaft" (S. 101). In dieser Gesinnung erzieht der Kaiser
seine Söhne, diese Gesinnung hegt er selbst". In der Demokratie