Full text : Antike Wirtschaftsgeschichte

Seedarlehn.  Berufsehre.

71

Athens  loaren  in  unserer  Periode  nicht  mehr  allzu  viele  Leute  vertreten, ­
  die  mit  der  Landwirtschaft  in  Beziehung  standen,  außer
etwa  den  großen  Grundbesitzern.  Den  größten  Teil  der  Bevölkerung
bildeten  diejenigen,  welche  in  einer  vorwiegend  arbeitsteiligen
Wirtschaft  (Plato,  Staat  II,  11)  Industrie  und  Handel  betreiben.
Diese  Bevölkerung  war  nicht  von  jenem  hohen  Geiste  erfüllt,  wie
man  nach  den  gewaltigen  und  herrlichen  Schöpfungen  vermuten
könnte,  die  aus  dem  allgemeinen  Säckel  erbaut  wurden.  Die  Behaglichkeiten ­
  des  Lebens  lähmten  vielfach  das  Entwicklungsstreben,
und  es  ist  sehr  wahrscheinlich,  daß  z.  B.  gegenwärtig  das  ernste
Streben  der  Arbeiterschaft  nach  Kulturgütern  verbreiteter  ist  als
in  der  Bevölkerung  Athens  im  4.  Jahrhundert  trotz  deren  hoher
kulturellen  Stufe.  Dies  führte  dazu,  daß  in  jener  Zeit,  da  die
griechische  Freiheit  ihrem  Ende  sich  näherte,  die  Opposition  für
die  große  Masse  der  Bevölkerung  nur  Verachtung  hatte  (S.  57).
Die  Empörung  Platos  über  die  Demokratie  führte  ihn  dazu,  einen
Jdealstaat  zu  konstruieren,  in  dem  die  Ungleichheit  der  Menschen
prinzipiell  vorausgesetzt  und  die  große  Masse  möglichst  schlecht  behandelt ­
  wird.  Während  heute  viele  gegen  eine  Ausgleichung  der
Güterverteilung  eintreten,  ohne  anzugeben,  nach  welchem  Prinzip
diese  Ungleichheiten  stattfinden  sollen,  hat  Plato  in  seinem  Staatswesen ­
  alle  Ungleichheiten  prinzipiell  zu  begründen  gesucht.  Die
Möglichkeit  einer  Besserung  der  untern  Volksschichten  wurde  von
vielen  Forschern  damals  deshalb  gar  nicht  in  Erwägung  gezogen,
weil  sie  der  Ansicht  waren,  daß  die  Einwirkung  der  handwerksmäßigen ­
  Arbeit,  vor  allem  der  sitzenden,  den  Körper  zugrunde
richte  (Theophrast,  Haushaltungskunst  2)  und  den  Menschen  unfähig ­
  zu  Höherem  mache.  Deshalb  wurden  die  Arbeiter,  nicht
nur  die  Arbeit  als  solche  verachtet.  Überdies  erschien  es  unwürdig, ­
  sich  wie  ein  Arbeiter  dem  fremden  Willen  zu  unterwerfen,
ob  man  dessen  Ziele  für  vernünftig  halte  oder  nicht.  Daß  die
Handwerker  und  Arbeiter  durch  Armut  an  einer  höheren  Ausbildung ­
  gehindert  wurden,  gaben  manche  Autoren  zu,  betonten
aber,  daß  sie  jedenfalls  minderwertiger  seien  (Pseudo-Xenophon,
Verfassung  der  Athener  l).  Während  so  von  vielen  bedeutenden
Philosophen  eine  ganze  Reihe  von  Tätigkeiten,  deren  Verbreitung
und  wirtschaftliche  Bedeutung  unbestritten  war,  mit  einem  Makel
belegt  wurde,  gab  es  daneben  eine  Reihe  von  Beschäftigungen,
die  eines  Nicht-Banausen  für  würdig  erachtet  wurden,  und  von
denen  ein  Teil  später  unter  dem  Namen  der  sieben  freien  Künste
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.