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Die beiden großen Gebiete, in die die Wissenschaft zerfällt, sind
die Naturforschung und die Menschenforschung, oder wie man auch
unterscheiden könnte: die Körper- und die Seelenforschung, denn
natürlich handelt es sich bei der Menschenforschung um jene Wissen
schaften, die die menschliche Seele zum Objekte haben (während der
menschliche Körper ja Gegenstand der Naturforschung ist). Diese
Unterscheidung (die sich im wesentlichen wohl mit der althergebrachten
in Natur- und Geisteswissenschaften deckt) scheint mir deshalb die
richtige Einteilung zu geben, weil sie die wesentlichen Verschieden
heiten des menschlichen Denkens zu klarer Gegenüberstellung bringt.
Daß diese Wesensverschiedenheit nicht in der Verschiedenheit
des Erkenntniszweckes oder des Artcharakters der Erkenntnisse be
gründet liegt, wissen wir. Sorgfältige Untersuchungen haben uns
in letzter Zeit wieder einmal darüber belehrt, daß wir grundsätzlich
zwei verschiedene Ziele unserm Erkennen stecken: die Erkenntnis einer
Einzigheit imi) die Erkenntnis einer Allgemeinheit und der ihr unter
worfenen Einzelfülle. Ob man jene Erkenntnis als historische, diese
als naturwissenschaftliche bezeichnen will, ist eine untergeordnete Frage
rein terminologischen Inhalts. Die Hauptsache ist, zu wissen: daß
beide Arten wissenschaftlicher Erkenntnis auf jedem Gebiete mensch
lichen Denkens erstrebt und geschätzt werden.
Auch die Naturtvissenschaft sucht nach „historischer" Erkenntnis
(Geschichte der Erde, der Tierwelt auf ihr usw., was natürlich ebenso
einzige Prozesse sind, wie die Geschichte der Menschheit) und auch
die Menschenwissenschaft wertet das „naturwissenschaftliche" Erkennen
(Lehre vom Markte, vom Gelde usw.).
Wesensunterschiede der beiden Gebiete des menschlichen Denkens
ergeben sich aber aus der Verschiedenheit des Stoffes. Sei es des-