Full text : Die Heimarbeit und ihre Verbreitung in der Metallindustrie

Die  Heimarbeit  und  ihre  Verbreitung  in  der  Metallindustrie.

30
in  welchen  Werkstätten  gearbeitet  wird.  In  92  Fällen  waren  die
Arbeitsräume  in  gutem  Zustand,  in  92  entsprachen  sie  nur  den  allernotwendigsten
  Anforderungen.  Die  Arbeitsrüume  waren  schlecht  in
216  Fällen  —  54  Prozent,  einschließlich  derer,  die  gleichzeitig  Wohnoder
  Schlafzimmer  waren.  Bemerkt  soll  hier  werden,  daß  es  bei  den
Scherenfeilern,  Naglern,  Heftefeilern,  Gabelfeilern,  Ausmachern, ­
  Rasiermesserreidern  und  Abziehern,  Schalen-,  Schilder- ­
  und  Korkzieherarbeiteru  nicht  besser  aussieht.
Und  wie  ist  der  Verdienst  der  Heimarbeiter  in  der  Feder-  und
Taschenmesserbranche?  Man  kann  ruhig  behaupten,  daß  sich  ein  Fabrikarbeiter ­
  bei  zehnstündiger  Arbeitszeit  besser  steht  als  ein  Heimarbeiter
bei  dreizehn-  bis  sechzehnstündiger  Arbeitszeit.  Es  ist  den  Heimarbeitern ­
  nur  noch  auf  Grund  der  Kinder-  und  Frauenarbeit  und  der
Lehrlingszüchterei  möglich,  zu  existieren.  Von  358  Lehrlingen  bei  804
Meistern  waren  64  Söhne,  50  Brüder  der  betreffenden  Meister,  244
waren  nicht  zur  Familie  gehörend.  Die  meisten  Heimarbeiter  senden
ihre  Kinder  in  die  Fabriken,  weil  sie  dort  bessere  Lohn-  und  Arbeitsbedingungen ­
  haben  als  bei  den  eigenen  Eltern.  Von  fünf  Lehrlingen
ergreifen  nach  erfolgter  Lehrzeit  durchschnittlich  vier  einen  anderen  Beruf,
weil  die,  die  nur  als  Spezialarbeiter  gelernt  haben,  nicht  als  selbständige ­
  Arbeiter  sich  etablieren  können.  Nur  bei  den  minderwertigen
Messersorten  ist  es  noch  möglich,  aus  Grund  der  Lehrlingsausbeutung
als  Heimarbeiter  das  Dasein  zu  fristen.  Im  Kreise  Solingen  und  der
Umgegend  erhalten  die  Reider  keine  Lehrlinge  mehr,  deshalb  wendet
man  sich  nach  auswärts;  es  ist  schon  für  einen  Lehrling,  der  vier
Jahre  lernt,  10  bis  20  Mk.  bezahlt  worden.  Um  so  recht  den  Geist
der  Ausbeutung  zu  charakterisieren,  lasse  ich  den  Ausspruch  eines
Fabrikanten  folgen,  den  er  in  einer  Kommissionssitzung,  als  höhere
Preise  verlangt  wurden,  getan  hat:  „Wir  können  auf  die  ordinären
Sorten  keine  Preise  für  allein  arbeitende  Reider  bewilligen,
diejenigen,  welche  uns  die  Messer  machen,  halten  eine  Anzahl
Lehrlinge,  der  Meister  nimmt  morgens  die  Peitsche  und
peitscht  einmal,  und  dann  geht  es  den  ganzen  Tag  aus  einer
Hand  in  die  andere."
Ein  Vorsitzender  des  Fabrikantenvereins  sagte  einnial,  als  die
Reider  die  Preise  so  bestimmt  wissen  wollten,  daß  auch  der  einzelne
Arbeiter  davon  leben  könnte:  „Die  Lebensfrage  kann  hier  nicht
in  Betracht  gezogen  werden,  es  handelt  sich  darum,  ein  Minima ­
  lpreisVerzeichnis  aufzustellen."
Viele  Frauen  der  Heimarbeiter  müssen  neben  der  häuslichen  Arbeit
noch  der  gewerblichen  Hausarbeit  obliegen.  Ich  selbst  hatte  Gelegenheit, ­
  zu  sehen,  wie  die  ganze  Familie  im  Beruf  mit  tätig  war.  In
der  erwähnten  Broschüre  wird  angeführt,  daß  hochschwangere  Frauen
am  Schraubstock  stehen  und  die  schwersten  Arbeiten  verrichten;  das
gleiche  habe  ich  beobachtet  bei  den  Scherenfeilern.  Kinder,  die  auf  den
Spielplatz  gehören,  müssen  in  der  schulfreien  Zeit  mithelfen,  sie  müssen
Rohmaterial  beischaffen  und  an  der  Werkbank  stehen  und  arbeiten.
Ein  technischer  Fortschritt  macht  sich  jetzt  bemerkbar:  verschiedene
Hausindustrielle  haben  sich  einen  Elektromotor  zugelegt.  Nicht  jeder
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.