12
Die Landtagswahlen im Jahre 1900 und
die Steuerreform.
Bei den auf das Scheitern der Reform folgenden Wahlen
hätte die Wählerschaft mit Fug und Recht alle die Parteien, die
dem Volke eine viel schlechtere Steuerreform aufzuhängen versucht
hatten, als sie in ihren verlockenden Wahlprogrammen von
1895 versprochen hatten, des Betrugs beschuldigen können. Dem
suchten die Parteien der Rechten einschließlich des Zentrums nach
der Art geriebener Gauner zuvorzukommen, indem sie ehrliche
Leute Diebe schalten. Der Sozialdemokratie und der Volkspartei
rechneten sie es als ein Verbrechen an, daß sie den oligarchischen
Bedingungen der Ersten Kammer sich widersetzten und
nur eine solche Steuerreform bewilligen wollten, wie sie im
Wahlprogramm des Zentrums und der Konservativen dem Volke
vorgegaukelt worden war. Die Haltet-den-Dieb-Taktiker warfen
mit Schlagworten wie „unfruchtbare Negationspolitiker" um sich,
die freilich bei der gegen solche Vorwürfe längst abgebrühten
Sozialdemokratie jeden Eindruck verfehlten. Aber auch die Volkspartei,
die sonst nur zu sehr geneigt ist, in das Gekläff der
Reaktionsparteien von der „stets versagenden Sozialdemokratie"
einzustimmen, mußte diesmal die Anklage über sich ergehen lassen,
mit der Verwerfung der standesherrlichen Ansprüche eine für das
Volk angeblich so ungeheuer wohltätige Reform vereitelt zu haben.
In Sachen des Steuertarifs hatte sie diesen Vorwurf gewiß nicht
verdient, denn hier war sie schon damals iveit genug zurückgewichen.
Was dagegen das Budgetrecht anbelangt, so hat sie
allerdings im vorigen Landtag eine ausnahmsweise Entschiedenheit
in der Verteidigung dieses Volksrechtes bekundet, die leider
im gegenwärtigen vergeblich bei ihr gesucht wurde. Im großen
und ganzen fand sich die Volksparte! würdig mit der ungewohnten
Rolle ab, Beim Volke als zu radikal angeklagt zu werden. Viel
profitierten die politischen Roßtäuscher nicht. Was der Volkspartei
an Stimmen und Mandaten verloren ging, gewann die
Sozialdemokratie. Beide Parteien zusammen verfügten einschließlich
zweier Hospitanten der Volkspartei wieder über genau soviel
Stimmen im Landtag wie nach den Wahlen von 1895, nämlich
über 33, mehr als ein Drittel der ganzen Kammer; sie wären
somit wieder in der Lage gewesen, reaktionäre Aenderungen der
Verfassung, wie sie bei der Steuerreform in Frage kamen, zu
verhindern. Diesmal sollte es jedoch, was die Haltung der
Volkspartei betraf, anders kommen.