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Oft stehen diese Arbeiterwohnungen dicht neben den Stallungen. In den
Ecken solcher Wohnungen liegen grosse Haufen von Mist, der von dem
Gärtner sehr geschätzt und für die Gewächshäuser verbraucht wird.
Der Mist zersetzt sich und dadurch entsteht eine so stinkende, erstickende
Atmosphäre, dass man die Frage aufwerfen möchte, ob ein Arbeitgeber,
der den Arbeitern in Bezug auf die Wahl ihrer Schlafstätten volle Frei
heit gibt und sie unter freiem Himmel schlafen lässt, nicht humaner
handelt. . . . Unweit solcher Kasernen befinden sich die Schuttablagerungs
plätze. Aborte fehlen vollständig. 1 )
Das Gesinde ausser den persönlichen Dienstboten des Herrn wird
in der Regel entweder in den Stallungen oder in den neben den Stal
lungen eingerichteten kleinen Kämmerchen untergebracht. Diese sind
aber viel schlimmer beschaffen als die Stallungen. Während diese letzten
beleuchtet sind und viel Stroh am Boden haben, sind die Schlafstellen
des Gesindes dunkel, ohne Lüftung, feucht und mit sehr wenig Stroh für
Lager versehen. — «Wenn die Arbeiter nicht unter freiem Himmel
schlafen, so werden sie in solchen Löchern untergebracht, in denen ein
guter Wirt auch sein Schwein nicht untergebracht hätte,» so schreibt
ein Aufsichtsarzt auf einer Naturalverpflegungsstation. «Oft habe ich
auf den Wirtschaften reicher Gutsherren (so z. B. im Gouv. Ekaterinoslaw
im Distrikt Kommissarow) schöne, mit elektrischem Licht beleuchtete
Stallungen gesehen, während die Arbeiter die Nächte auf schmutzigem
Boden in den dunklen Schweineställen verbringen mussten.» 2 )
Als Folge dieser Wohnungsverhältnisse treten natürlich die ver
schiedensten Krankheiten auf. So wurden im Jahre 1900 auf der Na
turalverpflegungsstation in Golta folgende Krankheitsfälle aufgezeichnet:
Tuberkulose 30 Fälle, Syphilis 36, Hautkrankheiten 26, Parasiten 17 u.
dgl. Sehr verbreitet ist auch das Fieber. So kamen im Jahre 1899
von allen auf den Naturalverpflegungsstalionen des Gouv. Cherson als
krank eingetragenen Arbeitern 10,4 °/ 0 auf die an der Malaria Leidenden.
§ VIU. Die Arbeitszeit.
Es gibt keine bestimmte Arbeitszeit, die im südrussischen Ackerbau
eingehalten wird. Man arbeitet am Tage, soviel es nötig ist und so
viel, wie es die physischen Kräfte des Arbeiters gestatten.
Die Arbeit beginnt noch vor Sonnenaufgang und dauert bis in den
späten Abend, manchmal auch in die Nacht hinein. Frühstück, Mittag-
9 Dr. Freifeld : Die Sanitätsverhältnisse der Landarbeiter im Kreise Odessa.
2 ) Pissnjatschewsky: Das neue Gesetz über die Landarbeiter. «Nascha Sehisn»
N. 423, 1906.