118
Ein
Gesinnungs
wechsel der
Regierung?
Der Rückzug
der Presse.
Norddeutschen Allgemeinen Zeitung erlassen, so wäre ihm daraus nicht de-
geringste Vorwurf zu machen gewesen. Aber Fürst Bülow hat viel mehr
getan. Er hat von gänzlich haltlosen Grundlagen gesprochen, auf denen das
Martinsche Buch beruhe. Er hat damit über den Inhalt jener Schrift ein
Urteil gefällt und mußte sich ganz klar darüber sein, daß diese offiziöse
Erklärung genau so, wie seine früheren Reden im Reichstag, bei den Besitzern
russischer Finanzen den Eindruck erwecken mußte, man sehe an den leitenden
Stellen der deutschen Reichspolitik die Lage der russischen Finanzen für
durchaus sicher an. Dieser Vorwurf ist vom Fürsten Bülow nicht wegzu-
waschen. Sonderbarerweise hat er bisher auch gar nicht das Bedürfnis
gezeigt, sich von diesem Vorwurf zu reinigen. Weshalb nun — so fragt
man doch unwillkürlich — tritt jetzt plötzlich das Bestreben auf, die Bevölkerung
darauf hinzuweisen, daß der deutsche Reichskanzler kein Finanzprophet ist.
Vielleicht ist des Rätsels Lösung darin zu suchen, daß der Reichstag zusammen
getreten ist und Fürst Bülow fürchtet, man könnte doch wohl in den Kreisen
der Abgeordneten angesichts der gewichenen Russenkurse das Bedürfnis
empfinden, ihn an den Mangel prophetischer Gabe zu erinnern. Allein auch
das erklärt die Reinwaschtätigkeit der Offiziösen nicht vollständig. Man wird
vielmehr zu dem Schluß gezwungen, daß auch in unsere leitenden politischen
Kreise allniählich die Erkenntnis sich Bahn bricht, daß die finanzielle Position
Rußlands recht prekär ist, und daß man nun allzu gern die Verantwortlichkeit,
das deutsche Publikum noch zum Bezug der letzten Russenanleihe animiert
zu haben, vom Reichskanzler ablenken möchte. Das tut man nun allerdings
mit dem Hinweis darauf, daß seinerzeit die russisch-deutsche Freundschaft
gebot, für Rußland einzutreten, auf eine möglichst ungeschickte Weise. Sind
wir denn heute nicht mehr mit Rußland politisch befreundet, daß unsere
Offiziösen jetzt durch die Art ihrer Verteidigung das Publikum mißtrauisch
gegen die nächste russische Anleihe machen dürfen? Oder soll etwa der
offiziöse Eiertanz von vornherein für neue Lobeshymnen des Reichskanzlers
auf die russischen Finanzen Pardon erbitten? Bei der Beratung des Reichs
kanzler-Etats werden wir ja sehend)
* *
*
(9. Dezember 1905.)
Ich habe bereits darauf aufmerksam gemacht, daß der Reichskanzler
sein Gemüt zu saldieren versucht, weil er noch vor kurzer Zeit dem deutschen
Publikum Russenwerte empfahl. Wer vor acht Tagen noch geglaubt hat, daß
dieser Versuch des Rückzugs nur in meiner Phantasie bestand, hat sich in der
abgelaufenen Woche davon überzeugen können, daß es sich tatsächlich um
einen wohlausgeklügelten Plan handelt, der von der Verzweiflung des
Moments eingegeben war. Nicht nur dem Reichskanzler, nicht nur seinen
offiziösen Pressetrabanten, nein, der ganze Chorus derjenigen Presse, die
i) Bekanntlich wurde der Reichskanzler, bevor er sich über die russische Anleihe erklären
konnte, im Reichstag plötzlich unwohl. Vergleiche den Artikel „Das Rätsel von Algeciras" in
dieser Sammlung.