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Fünftes Buch.
der neuesten Zeit.
meter gestiegen ist 1 ). Es sind dies vereinzelte, wenn auch sehr bezeichnende
Beispiele einer allgemeinen und unbestreitbaren Tatsache.
Carey und Bastiat haben daher auch nur eine geringe Anzahl von
Bekehrungen bewirkt. Die große Menge der Volkswirtschaftler ist
entweder der Auffassung Ricardo’s treu geblieben oder hat sich
bemüht, sie zu vertiefen und zu entwickeln, ohne aber ein mit dem Boden
verbundenes Einkommen zu leugnen. Es ergibt sich daraus eine doppelte
und höchst merkwürdige Entwicklung der Theorie der Bodenrente.
Einesteils entdeckte man nach und nach eine ganze Reihe diffe
rentieller Einkommen, ganz von der Art der Bodenrente, — und das
geht, nach dem Ausdruck eines großen zeitgenössischen Nationalökonomen,
sojweit, „daß sie (die Bodenrente) nicht mehr als eine Einzeltatsache,
sondern als die Hauptspezies eines sehr verbreiteten Genus erscheint“ * 2 ).
Auf der anderen Seite (und diese zweite Entwicklung ist vielleicht noch
merkwürdiger als die erste) sehen die modernen Theoretiker in ihr nur-
eine normale Folge des regelmäßigen Verlaufs der Wertgesetze, während
bei Ricardo die Bodenrente als eine wirtschaftliche Anomalie erscheint,
die auf bestimmten Umständen beruht (ungleicher Fruchtbarkeit der
Felder und dem Gesetz des sinkenden Bodenertrages). Daher fügen sich
die Bodenrente und andere gleichartige Renten in die allgemeine Preis
theorie ein, und die von den Klassikern so mühsam aufgebaute Theorie
der Rente verflüchtigt sich sozusagen, und wird überflüssig. Nachdem
sie während des ganzen 19. Jahrhunderts eine so große Rolle gespielt
hat, wird sie vielleicht in wenigen Jahren nur noch eine historische Merk
würdigkeit sein.
Diese doppelte Entwicklung der Lehre beruht auf der gleichzeitigen
Tätigkeit einer großen Anzahl von Forschern. Es ist schwierig, einen
regelmäßigen Fortschritt von einem zum anderen aufzuzeigen. Wir werden
daher die Entwicklung an und für sich darstellen und uns darauf be
schränken, die Namen der Gelehrten, die dazu beigetragen haben, an
entsprechender Stelle anzuführen. Wir werden uns aber so viel wie möglich
auf ihre Texte stützen 3 ).
a) Zunächst, sagten wir, hat man sehr bald neben dem Einkommen
der Grundbesitzer eine Reihe anderer differentieller, ihm ganz gleicher
Einkommen bemerkt. Dieselbe Menge, oder wie die Engländer sagen,
*) P. Leroy-Beaulieu, Lrart de placer et g§rer sa.fortune, S. 34.
2 ) Marshall, Principles, Vorwort der 1. Ausg.
3 ) Man findet gute Darstellungen der Entwicklung, die wir hier kurz darstellen,
in einem schon älteren Werk: Versuch einer kritischen Dogmengeschichte
der Grundrente, von Eduard Berens (Leipzig 1868, 399 Seiten), besonders aber in
La theorie de la rente et son extension recente Von PaulFrezouls (Montpellier
1908,318 Seiten) undin den sehr interessanten Aufsätzen von Schumpeter: Das Renten
prinzip in der Verteilungslehre, die in Schmoller’s Jahrbuch 1907, S.31 und 591
erschienen sind.