288 Zwölftes Buch. Drittes Kapitel.
Damit waren zunächst die technischen Vorbedingungen zur
Loslösung der Plastik von der Architektur gewonnen. Die
Blüte des Bronzegusses und der Schnitzkunst, die dieser Emanzi—
pation seit etwa Mitte des 15. Jahrhunderts folgte, zeigte
aber nur in ihren glänzendsten Erscheinungen ein rein plastisches
Vermögen; zumeist dagegen ward sie, entsprechend einer merk⸗
würdigen Umwandlung des geistigen Vermögens um diese Zeit,
abhängig von den Erfordernissen malerischer Wirkung.
Diese Wendung mag auf den ersten Blick um so wunder⸗
barer erscheinen, als die Malerei bis tief ins 14. Jahrhundert
hinein nicht minder unter dem allbeherrschenden Einfluß der
Gotik gestanden hatte, als die Plastik. Auch hier das Sta—
tuarische, die überhöhten Figuren, der schmächtige Faltenwurf,
die enge Schnürung der Gesten, das künstliche Ausbiegen in
Hüft- und Bauchgegend, um der Gestalt doch einige Bewegung
zu geben. Aber unter dieser strengen Hülle freilich gegen
Schluß der Periode der erste, leise Übergang zu einer tiefsten
freiheitlichen Bewegung, deren Charakter an dieser Stelle unserer
Erzählung nur bei weiterem Ausblick begriffen werden kann.
Deutet man psychologische Beobachtungen nicht künstlich, so
ergiebt sich das Sehen selbst schon als ein Schließen; der
Schluß vollzieht sich in einer Gesichtsvorstellung, wie er sich in
anderen Fällen in Form sprachlich ausgedrückter Begriffe dar—
stellt. Alles Empfinden giebt aber nicht ein absolutes, son⸗
dern ein relatives Maß der Dinge wieder; so auch die Gesichts—
empfindung: sie löst von den Objekten ein inneres Nachbild
gleichsam ab und bringt dieses zum Bewußtsein. Das kann
nicht geschehen und geschieht vor allem beim künstlerischen
Sehen nicht, ohne daß das innere Bild einseitig wird, sich auf
bestimmte Teile der Sinnesempfindung konzentriert.
Nun treten dem malerischen Sehen drei verschiedene Be—
standteile des sinnlich Sichtbaren entgegen, Umrisse, Farben und
Lichter. Diese hat es aufzunehmen und in subjektiver Weise
zu verarbeiten. Dabei sind freilich Farbe und Licht, ja sogar
Farbe, Licht und Kontur nicht absolute Gegensätze. Wohl aber
relative. Gewiß ist eine Farbe ohne Licht nicht denkbar, aber