Full text: Die Untersuchung landwirtschaftlich und gewerblich wichtiger Stoffe

Vollmilch. Unterscheidung von erhitzter und nicht erhitzter (roher) Milch. 477 
des Gefäßes ansammelt, dann erwärmt man auf 30—40°, filtriert und erhitzt das 
licht-gelbliche Filtrat zum Kochen. Vorher gekochte Milch gibt keine oder nur 
eine geringe Abscheidung von Albumin; tritt letztere ein, so liegt ungekochte Milch 
oder ein Gemenge von gekochter und ungekochter Milch vor. 
Ebenso zweckmäßig ist es nach Kirchner, die Milch auf natürliche Weise 
gerinnen zu lassen und das Filtrat (Serum) zur Prüfung zu verwenden. Ferner 
empfehlen für die Ausfällung des Kaseins v. Soxhlet verdünnte Säuren, de Jager 
und Fab er Magnesiumsulfat. 
b) Verfahren, welche auf der Wirkung der oxydierenden Fermente der nicht 
erhitzten (rohen) Milch beruhen. Bei dem einen Teile dieser Verfahren läßt man die 
Fermente unmittelbar auf gewisse, leicht oxydabele Chromogene wirken, hei dem 
anderen Teile findet ein Zusatz von Wasserstoffsuperoxyd statt und wird der aus 
diesem durch die Fermente der Milch entwickelte Sauerstoff naohgewiesen. 
Als die zuverlässigsten 1 ) von den vorgeschlagenen Verfahren gelten: 
a) Die Paraphenylendiamin-Reaktion. V. Storch 2 ) hat eine ganze 
Anzahl von Verbindungen (darunter Jodkalium und Stärke, Guajakol, Hydrochinon, 
a-Naphtol, Paraphenylendiamin, Dimethylparaphenylendiamin, Pyrogallussäure) ge 
funden, die durch die oxydierenden Fermente der Milch bei Gegenwart von Wasser 
stoffsuperoxyd gefärbt werden. 
Für das beste Reagens hält V. Storch das Paraphenylendiamin, 8 ) dessen 
Brauchbarkeit auch von anderer Seite vielfache Bestätigung gefunden hat. Man 
verwendet eine 2 °/ 0 -ige Lösung von Paraphenylendiamin, das man sich nach 
M. Siegfeld 4 ) durch Sublimation zwischen zwei Uhrgläsern leicht in weißen voll 
kommen reinen Kristallen herstellen kann. Man löst es in heißem Wasser und 
bewahrt die nötigenfalls filtrierte Lösung in braunen Fläschchen an einem kühlen 
Orte auf; sie bleibt so etwa 2 Monate haltbar. V. Storch verwendet ferner eine 
0,2°/ 0 -ige mit 1 ccm konzentrierter Schwefelsäure auf 1 Liter angesäuerte Wasser 
stoffsuperoxydlösung, die in brauner Flasche lange Zeit haltbar ist. Nach M. Sieg 
feld tritt die Reaktion noch rascher und stärker mit der l,5°/ 0 -igen offizineilen 
Wasserstoffsuperoxydlösung ein. Man verfährt nach V. Storch, wie folgt: 
Etwa 10 ccm Milch (Rahm oder Molke) werden in einem Reagensglase mit 
1 Tropfen Wasserstoffsuperoxydlösung und 2 Tropfen Paraphenylendiaminlösung 
geschüttelt. Wird die Milch sofort stark indigoblau (bei Milch und Rahm) oder 
violett bis rotbraun (bei Molke) gefärbt, so ist sie nicht bis 78° bezw. überhaupt nicht 
erwärmt gewesen. Wird die Milch (Rahm) sofort oder binnen 1 / 2 Minute hellblau- 
grau gefärbt, so ist sie auf 79—80° erwärmt worden; behält sie dagegen ihre weiße 
Farbe oder nimmt sie nur einen äußerst schwachen violett-roten Farbenton an, so 
ist sie über 80° erwärmt worden. Saure Milch ist vor der Prüfung mit Kalk 
wasser zu neutralisieren. Nach M. Siegfeld tritt die Reaktion schon bei einem 
Gehalt von 5 °/ 0 roher Milch sofort ein. Die Farbe verblaßt frühestens erst nach 
*) Die früher empfohlene Guajaktinktur hat sich nach vielfachen Versuchen als 
unzuverlässig erwiesen, da es nicht immer gelingt, eine wirksame Guajaklösung herzustellen. 
2 ) 40-de Beretning fra den Kgl. Veterinär- og Landbohöjskoles Laboratorium for 
iaudökonomiske Forsög, Kiobenhavn 1898; Zeitschr. f. Untersuchung d. Nahrungs-u. Genuß- 
uuttel 1899, 2, 239 242. 
_ 3 ) Noch geeigneter ist zwar nach M. Siegfeld (Zeitsohr. f. angew. Chem. 1903, 16, 
64) das Dimethyl-Paraphenylendiamin; dasselbe ist aber in der Form des salzsauren 
alzes fünfmal und in Form der freien Base zwanzigmal teurer als Paraphenylendiamin; 
aus diesem Grunde sah auch V. Storch von dessen Verwendung ab. 
4 ) Milch-Ztg. 1901, 30, 723 u. Zeitschr. f. angew. Chem. 1903, 16, 764.
	        
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