Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

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Vereinzelt  schon  früher,  aber  mit  großer  Entschiedenheit  um  die
Mitte  des  18.  Jahrhunderts  tritt  das  Problem  der  genügenden  Eichenloheversorgung
  auf.  Bereits  um  die  Wende  des  17.  Jahrhunderts
hatte  Howard  in  den  Philosophical  Transactions  gezeigt 1 ),  daß  nicht
nur  die  Rinde,  sondern  alle  Teile  der  Eiche  zum  Gerben  zu  verwenden
seien,  1744  zeigte  der  Botaniker  Gleditsch  2  * )  auf  Grund  praktischer  Versuche, ­
  wenn  auch  auf  Grund  falscher  theoretischer  Anschauungen,  daß  sich
statt  der  Eiche  auch  eine  ganze  Anzahl  anderer  Pflanzen  in  der  Lohgerberei ­
  verwenden  ließen,  und  1753  stellte  die  Akademie  der  Wissenschaften ­
  zu  Göttingen  eine  Preisfrage  über  den  Ersatz  der  Baumrindengerbung, ­
  welche  1754  wiederholt  wurde.  1765  endlich  machte  ein
englischer  Lohgerber  zu  Battle  in  Susex  die  Beobachtung,  daß  sich  auch
eichene  Sägespäne  zum  Gerben  verwenden  ließen  8 ).  Mit  solchen  Beobachtungen ­
  war  eine  Parole  ausgegeben,  welche  die  einheimische
Pflanzenwelt  nach  Gerbestoffen  durchsuchen  hieß,  und  welche  Blüten
diese  Bestrebungen  trieben,  zeigt  am  besten  eine  Übersicht  über  die  damals
bekannten  und  vorgeschlagenen  Gerbstoffe  aus  dem  Jahre  1795  4  *  6 ),  wo
über  200  einheimische  Pflanzen  von  der  Flechte  und  dem  Farn  über
den  Meerrettich  bis  zu  fast  allen  bekannteren  Pflanzen  genannt  werden.
Das  Suchen  nach  neuen  einheimischen  Gerbstoffen  ist  aber  um  diese
Zeit  keineswegs  beendigt;  so  wird  z.  B.  im  Anzeiger  für  Kunst  und
Gewerbefleiß  im  Königreich  Bayern  1816  erneut  ans  die  Lärchenrinde
hingewiesen B ),  Galt  macht  1824  aufmerksam  auf  die  Verwendung  von
Kastanienholz  zum  Gerben  in  Amerika  °),  und  der  gleiche  Autor  weist,  —
um  nur  noch  ein  Beispiel  dafür  anzuführen,  wie  stark  dieses  Problem
damals  die  Geister  beschäftigt  haben  muß,  daß  sie  zu  solchen  Vorschlügen
griffen  —  auf  die  Verwendbarkeit  der  Traubenkerne  in  den  Weinbau
treibenden  Ländern 7 )  zur  Lederherstellung  hin.  Diese  Vorschläge  sind
immerhin  charakteristisch  für  die  damalige  Zeit,  in  so  fern,  uls  sie  uns
deren  ganzen  wissenschaftlichen  und  ökonomischen  Charakter  illustrieren.
Die  Wende  des  18.  Jahrhunderts  darf  jedenfalls  als  der  Höhepunkt ­
  der  Bestrebungen  zur  Deckung  des  Bedarfs  aus  einheimischen
Produkten  des  Pflanzenreichs  bezeichnet  werden;  wenn  auch  später  noch
sogar  der  Gedanke  auftauchte,  eigens  gerbstoffreiche  Pflanzen  zu  bauen  8 ),
so  hat  doch  die  Folgezeit  diese  Wege  mehr  und  mehr  verlassen.
Eine  zweite  Reihe  von  Versuchen  zur  Lösung  des  Problems,  welche
-)  Krünitz  1795,  Bd.  LXVIII,  S.  316.  2 )  Schauplatz  1760,  Bd.  V,  S.  345.
s )  Busch  1791,  S.  30;  Krünitz  1782,  Bd.  LXVIII,  S.  317-318;  Goth.
Hofkalmder  1788,  S.  53.
*)  Krünitz  1795,  Bd.  LXVIII,  S.  329-356.
6 )  Anzeiger  1816,  S.  518.  °)  Gall  1824,  S.  10.
-)  Gall  1824,  S.  23.  8 )  Wagner  1873,  S.  207.
            
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