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Die Zurichtung der gewöhnlichen weißgaren Felle, der schwereren
weißgaren Ochsen- und Kuhhäute, sowie des ungarischen Leders geschieht
häufig auf der sog. Reckbauk *), eine Arbeit, welche weniger zeitraubend
und unter Umständen nicht so ermüdend ist.
Damit sind die wichtigsten Arbeiten der Zurichterei erwähnt. Durch
Befeuchten und Brechen werden die Felle für diese Arbeiten vorbereitet,
eine Operation, welche heute durch Stauchen in Wasser oder durch
Einlegen in angefeuchtete Sägespäne geschieht. Die Mainzer Hand
schrift des 14. Jahrhunderts zeigt uns auch für diesen Fall einfache
Zustände: Man nimmt Wasser in den Mund und spritzt es dann „wie es
die Schneider über die Kleider machen" leicht auf die Häute, damit sie
ganz wenig feucht werden und nicht zerreißen, wenn man sie mit den
Händen zu reiben beginnt^).
Kurze Betrachtung verdient noch das A u s h ä n g e n der zum Trocknen
bestimmten Felle, weil diese bei den Weißgerbern offenbar anders auf
gehängt wurden, als wir dies heute tun. Ausdrücke wie „stanngen
beschlahen" 3 ) weisen nämlich, wenngleich das an keiner Stelle aus
drücklich ausgesprochen ist, darauf hin, daß die Felle zum Trocknen
nicht über die Stangen gehängt wurden; denn dabei trockneten offen
bar die auf den Stangen aufliegenden Partieen viel langsamer als die
rechts und links herunterhängenden und auf beiden Seiten der trocknenden
Luft zugänglichen Hälften. Zur Vermeidung dieses Übelstandes hat
man die Stangen mit Fellen beschlagen, d. h. man hat wahrscheinlich
je zwei Extremitäten eines Felles mit Nägeln an den Stangen be
festigt.
Die im Eingang dieses Teiles aufgeführten Schemata für Weiß
gerberei und Glacegerberei mögen zeigen, wie bei den feinen Ledern
zur Erzielung höchster Zügigkeit sich ähnliche Operationen mehrmals
wiederholen. Es läßt sich das gerade in der Zurichterei, viel deutlicher
freilich noch bei lohgaren Ledern verfolgen, wie die Entwicklung von
Geschmack und Ansprüchen bei den letzten Konsumenten immer mehr
Operationen in die Zurichterei einschiebt. Ein Beispiel dafür bieten
auch die eingangs angeführten Schemata der Pergamentfabrikation von
emer Reihe aufeinander folgender Jahrhunderte.
Nur auf eine einzige dieser Operationen, welche freilich weniger
am Weißleder selbst als an gefärbten Weißledern oder an leichten Loh
ledern ausgeführt wird, sei hingewiesen.
Der orientalische Chagrin erfreute sich im 18. Jahrhundert be
sonderer Beliebtheit zum Überziehen von Etuis, kleinen Koffern usw.
hauptsächlich wegen einer nur diesem Leder eigenen eigentümlich ge-
') Abbildung bei Krünitz 1795, Bd. LXVIII, Taf. 3, Fig. 4018.
2 J Gerberzeitung 1867, S. 168. 3 ) Nürnberg 1635, M. S., 452.