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narbten Oberfläche. Die Narbung wurde dadurch erzielt, daß in die
geschwellten Blößen die Samen einer Chenopodiumart eingetreten wurden.
Nach dem Trocknen dieser Blößen und nach dem Ausschütteln der ein
getretenen Samen wurde die mit zahlreichen kleinen Vertiefungen ver
sehene Oberfläche eben geschabt; bei dem nun nachfolgenden Quellen
der Häute in Wasser traten die durch die Chenopodiumsamen vorher
zusammengedrückten Stellen stärker in die Höhe, was eben jene eigen
tümliche Narbung bewirkte. Da die Bereitung dieses Chagrins erst
durch Pallas bekannt wurde, und da man in Frankreich dieses gesuchte
Leder selbst herzustellen wünschte, versuchte man durch Aufpressen heißer,
mit einer bestimmten Gravierung versehener Kupferplatten auf das
Leder diesem die gewünschte Oberflächenbeschaffenheit zu gebend; man
nannte solches Leder „chagriniertes Leder" oder ebenfalls „Chagrin";
die dabei geübte Methode zur Erzeugung künstlicher Narben hat sich
seitdem im Prinzip nicht geändert, sie wird teilweise in großartigem
Maßstabe au braunen Schafledern wie an Chromleder durchgeführt und
liefert die heute allgemein bekannten Feinlederimitationen.
8 16. Die Werkstatt.
Die Werkstatt als Produktionsmittel ist ebenfalls eine technische
Vorbedingung zur Durchführung der Gerbeoperationen. Wir wollen
sie hier nur unter diesem Gesichtspunkt in einer Weise besprechen, daß
wir später auf Bekanntes zurückgreifen können.
Die Gerberwerkstatt im heutigen Sinne des Wortes ist vor allen
Dingen der Inbegriff einer Reihe von nicht transportabeln, in den
Boden eingelassenen oder eingemauerten Gruben, in welchen der mit
Hilfe von Flüssigkeiten oder von Lohe vor sich gehende Teil der Gerberei
zustande kommt. In der Werkstatt befindet sich ein oder mehrere
Schabebäume, während die Operationen der Nacharbeit meist in einem
Nebenraume, das Trocknen im Freien oder in Schuppen ausgeführt
wird. Hier erhebt sich die Frage: Ist dem immer so gewesen, waren
die Verhältnisse immer die hier kurz skizzierten?
Die in Pompeji aufgefundene Gerberei enthielt im Boden eine
große Anzahl von Vertiefungen^); von den Danziger Gerbern wissen
wir, daß sie schon 1359 eine curia fartorum, einen Gerberhof be
saßen 2), im Dorfe Schluders war im 17. Jahrhundert die Grenze des
Feierabendbannes durch das „gärberhaus" bestimmt H, und im Markt
Imst waren ebenfalls im 17. Jahrhundert zwei „garstuben" im Besitz
i) Beckmann 1796, S. 290. -) Blümner 1875, Bd. I, S. 279—280.
») Hirsch 1855, S. 311. *) Dunker 1908, S. 118.