Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

Präsidenten  der  V.  St.  A.  patentiert,  und  1824  beschrieb  GallZ  ausführlich ­
  das  neue  amerikanische  Verfahren  von  Luther;  die  Gerbung
der  Pferdehäute  wurde  in  Österreich  seit  1798  hauptsächlich  durch  die
Engländer  Kollmann  und  Gelli  in  Gang  gebracht  ^),  die  Schnellgerberei
wurde  in  Dresden  noch  im  18.  Jahrhundert  durch  einen  elsässischen
Schnellgerber  eingeführt^),  der  Gerbermeister  Johann  Georg  Hensolt
zu  Gunzenhausen  hatte  schon  1800  die  Seguinsche  Methode  angenommen;
weil  ihn  aber  die  Erfahrung  gelehrt  haben  wollte,  daß  das  Leder  mit
dieser  Methode  nicht  die  Festigkeit  und  Dauerhaftigkeit  erhielt,  welche
man  an  dem  gewöhnlichen  Leder  findet,  kehrt  er  wieder  zum  alten
System  zurück  und  sucht  dieses  zu  verbessern,  und  letztere  Notiz  finden
wir  in  einer  der  oben  angeführten  größeren  Zeitschriften^).
Man  sieht  aus  diesen  wenigen  Beispielen,  die  sich  fast  ins  Endlose ­
  häufen  lassen,  welches  der  ungeheure  Einfluß  der  Bewegung  gewesen ­
  ist;  alle  möglichen  Schichten,  vom  Verwaltungsbeamten  bis  zum
handwerksmäßigen  Gerber,  sind  aktiv  mit  Verbesserungen  beschäftigt,
und  wie  ein  Lauffeuer  ist  die  neue  Methode  durch  die  Welt  gegangen.
Die  heutigen  Verkehrsmittel  mögen  noch  prompter  funktionieren,  aber
in  einer  so  breiten  Öffentlichkeit  wie  damals  und  unter  so  allseitiger
Anteilnahme  spielen  sich  heute  gewerbliche  Vorgänge  dieser  Art  nicht
mehr  ab.
Ein  Beispiel  für  die  Wanderung  eines  Produktionsprinzips  a  m  E  n  d  e
des  19.  Jahrhunderts  bildet  die  Chromgerberei.  Die  Hoffnung
eines  Jahrhunderts  hatte  auf  sie  gewartet,  und  die  Sehnsucht  eines
Jahrhunderts  war  in  ihr  erfüllt;  das  beweist  ihre  ungewöhnlich  schnelle
Ausbreitung.  Wie  haben  sich  zu  ihr  die  großen  Faktoren,  welche  wir
kennen  gelernt  haben,  verhalten;  welches  sind  die  neuen  Faktoren,  welche
dazu  getreten  sind?
Der  Staat  des  17.  und  18.  Jahrhunderts  hatte  die  Jndustrieen
groß  gezogen  und  die  Wissenschaft  von  den  Gewerben,  die  Technologie,
erzeugt.  Und  dafür  hat  die  neue  Wissenschaft  und  die  neue  Industrie
die  junge  französische  Republik  mit  Pulver  und  mit  Leder  aus  der
Kraft  des  eigenen  Landes  versorgt,  als  der  ergiebige  Fluß  auswärtiger
Quellen  unterbunden  wurde.  Im  Mittelpunkt  des  Staatsinteresses  steht
heute  nicht  mehr  so  dominierend  das  Gewerbe  als  Produzent  nach  gewissen ­
  Methoden,  sondern  vielmehr  das  Gewerbe  als  Machtfaktor  nach
den  von  ihm  erzeugten  Gütern,  nach  den  in  ihm  arbeitenden  Kapitalien,
nach  den  von  ihm  sich  nährenden  Bevölkerungsmassen,  dann  auch  das
Gewerbe  als  Arbeitgeber  für  einen  großen  Teil  des  Staatsvolkes,
welches  darum  Anspruch  besitzt  auf  staatlichen  Schutz.  Darum  ist  ein
9  Gall.  1824.  -)  Keeß  1820,  S.  27.
9  Junghans  1895,  S.  403.  9  Anzeiger  1816,  S.  457.
            
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