Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

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so  direktes  Interesse  des  Staates  an  Produktionsprinzipien,  wie  wir
es  oben  gelernt  haben,  nicht  mehr  zu  erwarten  und  auch  nicht  mehr
vorhanden;  die  innerpolitischen  Maßnahmen  des  Staates  geschehen
großenteils  unter  dem  Gesichtspunkte  der  äußeren  Politik,  und  von  hier
aus  wird  es  uns  dann  verständlich,  wenn  vor  längerer  Zeit  die  amerikanischen ­
  Konsuln  in  Europa  auf  Anregung  ihrer  Regierung  Berichte
einreichten  als  Antwort  auf  die  Frage,  warum  die  Fabrikation  feiner
farbiger  Glaceleder  und  Glacehandschuhe  in  Nordamerika  nicht  zu  derselben ­
  Vollkommenheit  gebracht  werden  könne,  wie  im  Auslande  *).  Man
hat  das  Gefühl,  es  ist  äußere,  d.  h.  imperialistische  Politik,  welche  diese
Fürsorge  für  die  Industrie  diktiert.
Der  Staat  und  seine  Verwaltungsbcamten  in  den  vielfältigen  propagierenden ­
  Funktionen,  welche  wir  oben  kennen  gelernt  haben,  fehlen
heute;  denn  die  Mittel,  welche  hier  in  Frage  kommen,  sind  heute  andere
geworden,  und  diesen  leiht  der  Staat,  soweit  er  es  noch  für  nötig  hält,
seine  Hand.
An  erster  Stelle  pflegt  man  hier  die  verschiedenen  Stufen  der
gewerblichen  Schulen  zu  nennen.  Die  Geschichte  der  gewerblichen  Fachschulen ­
  läßt  sich  weit  zurückverfolgen *  2  *  *  *  * );  allein  die  Gerberei  hat  von
dieser  Entwicklung,  soweit  hier  Staatsinteresse  im  Spiele  ist,  eigentlich
nichts  verspürt.  An  der  Universität  Gießen  wurde  Knapp  1841  zum
außerordentlichen,  1848  zum  ordentlichen  Professor  der  Technologie
ernannt 8 ),  aber  als  dann  die  Entwicklung  der  Gewerbe  zur  Gründung
von  Gewerbeschulen  und  polytechnischen  Schulen  in  den  größeren  Städten
führte,  wurden  die  Lehrstühle  der  chemischen  Technologie  für  obsolet
betrachtet  und  gingen  ein;  der  letzte  ordentliche  Professor  der  chemischen
Technologie  an  der  Universität  zu  Würzburg  z.  B.  war  R.  Wagner.
In  den  niederen  gewerblichen  Schulen  wird  Gerberei  kaum  gelehrt;  die
gewerblichen  Arbeiter  müssen  ihre  Ausbildung,  soweit  dies  noch  möglich
ist,  im  Handwerk  erlangen;  meist  gehen  sie  in  die  Fabriken,  wo  sie  eine
geringe  Bezahlung  erhalten.  Unter  diesen  Verhältnissen  beschloß  der
Verein  deutscher  Gerber  in  der  Generalversammlung  am  6.-8.  April
1881  zu  Hannover  die  Gründung  eines  Vereinslaboratoriums  auf
Antrag  seines  damaligen  Vorsitzenden  Herrn  Kampffmeyer  Senior,  und
in  der  Erkenntnis  der  bestehenden  Mängel  gab  er  diesem  als  Programm
mit  auf  den  Weg  „Ich  wünsche  ein  Vereinslaboratorium  zu  haben,  das

')  Lederrnarkt  1893,  S.  1235.
2 )  Königsberg  1737,  Bd.  XXII:  Schlözer  1787,  Bd.  X,  S.  476,  493  f.;
Kunz  1807,  S.  12ff.;  Gall  1824,  S.  V—VI  Anm.;  D.  V.  1839,  S.  47ff.;  1854,
S.  109ff.;  Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik  Nr.  15;  Leipzig  1879;  I.  f.  G.
und  B.  1890,  Bd.  XIV,  S.  121  f.;  1881,  S.  1259;  Schanz  1884,  S.  428;  Simon
1903;  Jöriffen  1909.  8 )  Fischer  1897,  S.  16.
            
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