Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

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barer  Ideen  beleben  sollen.  Die  Entwicklung  der  gerberischen  Fachzeitschriften ­
  geht  in  die  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  zurück  *);  gefordert ­
  waren  sie  schon  von  Gall  1824  °),  aber  erst  die  Erstarkung  der
deutschen  Lederindustrie  führte  1858  zu  einem  Fachblatt  für  die  Branche;
heute  umfaßt  die  europäische  Fachlitteratur  etwa  40  Zeitungen.
Und  wenn  wir  nun  danach  fragen,  wie  alle  diese  propagierenden
Mittel,  die  Staatshilfe,  das  Schulwesen,  die  Ausstellungen,  die  Fachzeitschriften ­
  auf  die  Verbreitung  der  Chromgerberei  eingewirkt  haben,
so  ist  das  Resultat  für  die  erste  Phase  dieser  neuen  Gerbungsart  ein
fast  vernichtendes.  Freilich,  die  Anstalten  zu  Freiberg  gab  es  damals
noch  nicht  oder  sie  waren  kaum  geschaffen,  und  die  Gerberei  stand
damals,  wie  auch  heute  noch,  nicht  im  Interesse  der  allgemeinen  Chemie,
weil  ihre  Vorgänge  nicht  genügend  aufgeklärt  oder  zu  kompliziert  sind;
aber  nachdem  die  Heinzerlingschen  Patente  nur  Mißerfolge  gezeitigt
hatten,  obwohl  diese  Versuche  im  Kleinen  gelungen  waren,  wollte  sich
kein  neuer  wissenschaftlicher  Anwalt  mehr  für  dieses  mißglückte  Verfahren ­
  finden.  Wir  haben  auch  gesehen,  daß  die  leicht  bewegliche
Meinung  selbst  der  Fachpresse  das  Verfahren  vollkommen  aufgegeben
hatte.  Alle  Faktoren,  welche  hier  in  Betracht  kommen,  hatten  vollständig ­
  versagt.
Welches  ist  nun  eigentlich  der  Faktor,  der  das  Problem  der  Chromgerbung ­
  gelöst  hat?  Auch  Schultz  hat  die  Chromgerbung  nicht  erfunden
und  das  Problem  nicht  gelöst;  ihm  gebührt  das  Verdienst,  das  als
unrettbar  geltende  Gebiet  noch  einmal  aufgegriffen  und  es  an  der
richtigen  Stelle  angebracht  zu  haben;  diese  Stelle  ist  das  Kapital.  Wir
haben  gehört,  welche  ungeheuren  Summen  geopfert  werden  mußten,  bis
sich  das  Verfahren  zu  einem  praktisch  brauchbaren  gestaltete.  Nur  der
ungeheuren  Ausdauer  des  Kapitals  gelang  es,  das  Verfahren  auszuprobieren, ­
  es  rentabel  in  die  Praxis  umzusetzen:  die  Versuche  zur
Durchprobierung  solcher  Verfahren  müssen  immer  im  Großen  angestellt
werden,  und  dabei  dürfen  dauernde  noch  so  hohe  Versuchskosten  keine
Rolle  spielen,  gleichgültig,  ob  die  Versuche  nach  Jahren  erst  zum  Ziele
führen,  oder  ob  der  Erfolg  überhaupt  noch  kommt.  So  ist  die  Chromgerbung ­
  ein  typisches  Kind  des  Kapitalismus.  Sie  steht  in  dieser
Beziehung  nicht  allein,  und  besonders  die  chemische  Großindustrie  liefert
hierfür  immer  wieder  Beispiele,  wo  es  nur  dem  unerschütterlichen  Vertrauen ­
  der  Direktion  trotz  jahrelang  mißglückter  Versuche,  nur  der  ungeheuren ­
  Kapitalkraft  der  größten  Unternehmungen  trotz  andauernder
kostspieliger  Mißerfolge  zu  danken  ist,  daß  ein  Verfahren,  von  dessen

st  Schuh  und  Leder  1908,  Nr.  10.

st  Gall  1824,  S.  10.
            
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