Full text: Die Entwicklung der Weißgerberei

198 
noch weniger bekannt sei; nach Beckmann *) ist die Methode in Deutschland 
nicht unbekannt, aber mau ist von dem besten Verfahren meist ganz ab 
gewichen ; der eben erwähnte Pfeiffer sagt: „Ich kenne keinen Ort in Deutsch 
land, wo das Sattler- und Riemerleder auf oben beschriebene Art zubereitet 
wird, ja, viele Gerber, welche sich rühmen, auf ungarische Art zu gerben, 
haben davon nicht einmal einen Begriff. Es sind Kalch- und keine Alaun 
gerber, sie schmieren auch wohl etwas Unschlitt in freier Luft auf das Leder, 
allein wie soll dieses das Gewebe der Haut durchdringen können?" "), und 
schließlich muß unter dem Begriff des ungarischen Leders etwas ganz 
anderes verstanden worden sein; denn unter den Luxusledern am Ende 
des 18. Jahrhunderts wird auch ungarisches Zugleder erwähnt 3 ). 
Während so diese Methode in Deutschland schon vor 100 Jahren 
völlig abgewirtschaftet hatte, und es den Kameralisten nicht gelang, 
Verständnis und Interesse dafür zu wecken, weil sie in einem ihr art 
fremden Wirtschaftsgebiete hatte degenerieren müssen, hatten die Reglemen 
tierungen Colberts und die sich daran schließende Periode der Industrie- 
begünstigung einen ganz anderen Erfolg; es muß der große Einfluß 
des Staates hinzutreten, welcher die wirtschaftliche Bereitschaft zum 
Empfang einer Methode schafft, damit pathologische Erscheinungen an 
dieser vermieden werden. 1578 und 1666 war den Riemern in Paris 
das Recht verbrieft worden, ungarisch Leder für ihren eigenen Gebrauch 
zu verfertigen Z, aber der durch die fortwährenden Kriege gestiegene 
Bedarf an Leder veranlaßte 1705 die Schaffung eines geschworenen 
Amtes und einer Gilde von Staatswegen, welche allein die Freiheit hatte, 
diese Art der Lederbereitung zu treiben. Da aber die Quantität des 
produzierten Leders trotz dieser Maßnahme nicht stieg, während der 
Preis infolge dieses von Staatswegen geschaffenen Monopols in die 
Höhe ging und die Qualität sich verschlechterte, wurde wenige Jahre 
nachher diese Zunft mit den Besitzern der Manufaktur zu Saint Denis 
gegen Erlegung von 50000 Thalern verbunden. Diese Manufaktur 
war 1698 zu St. Cloud bei Paris angelegt worden 3 ), 1702 war sie 
nach Roquette, und von hier mit Rücksicht auf die nahen Gärtner nach 
Saint Denis verlegt worden. 1705 ward ihr das Privilegium der 
Herstellung ungarischen Leders genommen, und der oben erwähnten 
Zunft allein übertragen worden. Aber bereits 1716 hatte man die 
Herstellung des ungarischen Leders freigegeben. Durch solche Maß 
nahmen war es immerhin gelungen, die Aufmerksamkeit der inländischen 
9 Pfeiffer 1780, Bd. I, S. 229. -) Wiedfeldt 1898, S. 66. 
-) Schauplatz 1767, Bd. VI, S. 88-89. 4 ) Schauplatz 1767, Bd. VI, S. 56. 
6 ) Französische Annalen für die allgemeine Naturgeschichte, D. Pfaff und 
Friedländer 1802, Heft 3, S. 183.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.