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Diese Tabelle bildet, wie man sieht, ein eigentümliches Konglomerat;
die einen Orte, wie Nördlingen, Dinkelsbühl sind Hauptsitze der alten
Weiß- und Sämischgerberei; in anderen, wie Prag, Wien, Erlangen,
blüht die französische Glacegerberei; Dänemark war damals weniger
bekannt durch weißgares als durch feines lohgares Leder zu Hand
schuhen; Rußland war hauptsächlich bekannt durch seine Sämischgerberei,
Hamburg und Lüttich dagegen vornehmlich durch ihre Lohgerberei
speziell schwererer Leder. Diese Tabelle ist freilich nicht von Gesellen
und nicht von Handwerkern aufgestellt, sondern sie wird von Männern
der Wissenschaft den Weißgerbern empfohlen, und daher mag dieser
Mangel an Einheitlichkeit kommen; es muß aber auf diesen Mangel
hingewiesen werden, weil man geneigt sein könnte, aus einer solchen
Tabelle weitere Schlüsse zu ziehen.
Wir müssen damit unsere Betrachtungen über den Standort der
alten Weiß- und Sämischgerberei abschließen, und wir wollen sehen,
wie sich der Standort der Glacegerberei, der Weiß- und Rotgerberei
entwickelt hat, und durch welche Momente er bedingt worden ist.
Der Standort der Rotgerberei war lange Zeit hindurch bedingt
durch die Lage der Lohegebiete; so läßt sich eine uralte Lohgerberei
zurückverfolgen im Moselgebiete *), Trier und einigen Eifelstädten 2 ),
dann das bedeutende Ledergewerbe Kölns, auf welches schon oben hin
gewiesen wurde, und Lüttich, Malmedy und Sankt Vith, wie auch die
belgischen Lohgerbereien, haben teilweise ihren Ruhm bewahrt s ).
Der starke überseeische Import von Häuten hat Produktionszentren
an den Küsten geschaffen^), wobei also nicht, wie in den oben er
wähnten Fällen, die Lohe, sondern die leichte Beschaffbarkeit eines
anderen Rohmaterials, nämlich der Häute, für den Standort eines
Gewerbes bestimmend wurde.
Wir können die Frage auswerfen, ob ähnliche Momente für die
Lage der Weißgerberei bestimmend geworden sind. Einen Einfluß der
Alaungewinnung auf die Lage der Weißgerbereien können wir nicht
erwarten, weil der Wert dieses Produktes im Vergleich zum Haupt
rohmaterial ein nur geringer ist, und weil die ganze europäische Weiß
gerberei in völliger örtlicher Loslösung von den Alaunproduktions
gegenden entstanden ist ^). Aber auch ein Einfluß des Hauptrohmaterials
selbst, nämlich der Häute- und Fellprovenienzen, auf den Standort der
Weißgerberei läßt sich nicht beobachten; denn als Hauptsitz der Glace
gerberei erscheint von jeher vor allen Dingen Grenoble und Annonay
*) Vgl. Gfrörer.
2 ) Lamprccht 1886, 93b. I, S. 73; Bd. II, S. 326f., 319 f.
°) Vgl. auch Dieterici 1838, Bd. I, S. 14, 15, 20, 22, 26, 49, 51—53, 65, 68, 76.
4 ) Vgl. Wirtschaftskunde 1904. Karte der Lederfabrikation. 6 ) Vgl. S. 309 f. u. 61.