seits eine irgendwie tiefer genommene geistige Anregung
im Volksleben gänzlich ungehört und gänzlich erfolglos
verhallen. Eins ist jedenfalls gewiß, daß schließlich die
Wahrheit immer wieder nach vorne gedrängt werden muß.
Auch diese Erwägungen legen es wieder nahe, daß
wir uns mit ernster Selbstzucht wenigstens bemühen, die
Gedanken über das Sein und das Seinsollen auseinander
zu halten. Dann aber folgt ferner daraus, daß es Pflicht
der Gelehrten ist, sobald er sieht, daß die Wahrheit des
Seins im Widerspruche steht zu der vulgären Auffassung
von dem Seinsollen, für die Wahrheit rücksichtslos ein-
tritt auch dann, wenn er dabei den Widerstand eines ganzen
Zeitalters findet. Dieser Widerspruch mag gewiß nicht an
genehm sein, viel Selbstverleugnung beanspruchen, aber
man wird sich durch die Gewißheit trösten dürfen „zwar die
Vorurteile gegen sich, aber die Wahrheit für sich zu haben,
welche, sobald nur ihr Bundesgenosse, die Zeit, zu ihr ge
stoßen sein wird, des Sieges vollkommen gewiß ist, mithin,
wenn auch nicht heute, doch morgen.“ (Schopenhauer.)
Der Gelehrte darf, ja muß, auf die öffentliche Meinung
einzuwirken versuchen, aber er wird von vorn herein keinen
Zweifel darüber aufkommen lassen dürfen, daß er soweit
der unmittelbare Erfolg in Frage kommt, mit seinem
Wissen, seiner Ehrlichkeit, seinem Wahrheitsdrange, nur
sehr Stümperhaftes leisten kann, gegenüber der raffinierten
Kunst des Demagogen.
Wer die Erklärung für diese Tatsache suchen will,
wird das mit Erfolg tun können an der Hand des Buches,
das der französische Sozial-Psychologe Gustave Le Bon
über die Psychologie der Massen geschrieben hat *). Etwas
1) Deutsch von Dr. Rudolf Eisler als Bd. II der Philosophisch
soziologischen Bücherei, 1908.