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derb, aber wahr, meint Le bon: „Es ist die Dummheit
nicht der Geist, was sich in den Massen akkumuliert“.
Versucht man durch logische Argumente die Massen ent
scheidend zu beeinflussen, so wird der Erfolg minimal
sein; man appelliere an das Gefühl, und man wird alsbald
den Erfolg spüren, auch dann, wenn dabei Logik und
Wahrheit auf schwachen Füßen stehen. Die Verminderung
des Intellekts, die Steigerung des Instinkts, die Erweiterung
der Grenzen für das als möglich Angesehene, die stark
angeregte Einbildungskraft der Massenpsyche bedingt es,
daß die Menge sich nicht Zeit nimmt, über die Schwierig
keiten etwa eines Reformplanes nachzudenken, sie will
kein „wenn“ und kein „aber“ hören, je weniger sie nach
zudenken braucht, um so besser, je entschiedener der Führer
auftritt, um so eher darf er auf Erfolg hoffen. Die den
Massen suggerierten Ideen können nur schwer zur Herr
schaft gelangen, wenn sie nicht ganz bestimmte und ein
fache Gestalt annehmen. Damit hängt es zusammen, daß
neue tiefgehende Ideen origineller Denker lange Zeit ge
brauchen, um in der Massen-Seele festen Fuß zu fassen,
und eben so lange währt es, bis einmal festgewurzelte
Ideen wieder aus der Massen-Seele verschwinden. Man
hat es hier mit einer Art geistigen Trägheitsgesetzes zu
tun, nach dem, ähnlich wie in der Körperwelt, unsere Vor
stellungen und Anschauungen einen natürlichen Hang zur
Beharrung besitzen.
Denken wir an die Vorgeschichte der französischen
Revolution. Die Ideen, die um die Wende des 16. und
17. Jahrhunderts z. B. von Vauban, Boisguilbert, bayle aus
gesprochen wurden, wirkten erst viele Jahrzehnte später,
ja wenn man will, war es ein ins Vulgäre übersetzter
Humainsmus, der die Volksmassen zur Revolution drängte.