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bedeutet dann aber immer eine Abwälzung des Risikos auf den
Arbeiter. Sobald die Nachfrage etwas sinkt, wirtd zuerst die Heim
arbeit beschäftigungslos.
Weit bedenklicher noch, als der Wettbewerb der mechanischen
Spitze ist der des Auslandes, zumal es sich hier um einen Kampf
in allen Qualitäten, auch den besten und künstlerisch vollendetsten
handelt, und zwar um einen Kampf, der mit sehr ungleichen Bet
teln geführt wird.
Als Konkurrenzländer auf dem deutschen wie ausländischen
Markt kommen hauptsächlich in Frage: Oesterrveich-Ungarn für
alle Arten und Qualitäten von Spitzen; Italien besonders für die
genähte Spitze; Rußland für Klöppelspitze (hier ist allerdings der
Handel noch schlecht organisiert, es kommen nur sehr kurze Stücke
auf den Markt und Nachbestellungen sind schwierig); Irland für
Häkelspitzen und Leinenstickerei; Madeira für Handstickerei; Belgien
und Frankreich insbesondere für Klöppel-, aber auch Nähspitze und
Handstickerei; Syrien in neuester Zeit für irische Spitze und orien
talische Arbeiten; Japan und China für Klöppelspitzen (die chine
sische Klöppelspitze ist -um die Hälfte billiger als die deutsche, aber
der Handel ist noch nicht sehr gut organisiert, und Nachbestellungen
der gleichen Stücke sind schwierig). Um welche Mengen es sich han
delt, läßt sich aus den deutschen Zollstatistiken nicht mit Deutlichkeit
ersehen. Für Oesterreich war bis zum Kriege das Hauptabsatzland
Deutschland, das ein Fünftel bis ein Viertel der gesamten öster
reichischen Produktion aufnahm. Doch war Deutschland für diese
Fabrikate großenteils wohl nur Durchgangsort für Amerika.
Charakteristisch für die Hauptsitze der Spitzenindustrie ist
die Tatsache, daß es sich um Länder niederer Kultur und verhält
nismäßig billiger Lebenshaltung, größtenteils um ländliche In
dustrien, meist Neben- und Füllevwerb handelt. Dr. Cronbach,
eine der 'besten Kennerinnen der Spitzenindustrie, gelangt
in dem Buch „Die österreichische Spitzenindustrie" zu dem Ergebnis,
daß die Spitzenindustrie der höheren Kultur und höheren wirtschaft
lichen Entwicklung weicht. Tatsächlich sehen wir, daß sie in den
Ländern hochentwickelter Industrie mit hohen Löhnen keinen Boden