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zeitweilig am Körper mit eiternden, schwer zu heilenden Geschwüren
bedeckt waren. Die Wohnungsverhältnisse waren äußerst beschränkt
und so ungünstig, daß die Erkrankungen der Kinder erklärlich er
schienen.
Ueber die Gesundheitsschädlichkeit der T a b a k i nd u st r i e
liegen widersprechende Gutachten vor; ich habe diese Frage ein
gehend in meinem Buch „Die Heimarbeit'") erörtert; weitere seit
dem angestellte persönliche Untersuchungen haben mich in der Auf-
fasiung bestärkt, daß die Beseitigung der Heimarbeit in dieser In
dustrie sowohl vom Standpunkt des Herstellers wie des Verbrauchers
zu befürworten ist; besondere Schwierigkeiten für die Hausarbciter
würden sich kaum ergeben, da auch in kleine Dörfer leicht Filialen
gelegt werden können und die Arbeitszeit in diesen Werkstätten sich
zumeist den Bedürfnissen des Haushalts wohl anpassen läßt. Auch
das Interesse des Unternehmers geht eher auf den geschlossenen
Betrieb. Die in Thüringen neu eingeführte Tabakindustrie wird
größtenteils von vornherein als Werkstattbetrieb eingerichtet, an
dererseits wird allerdings gerade während des Krieges, der eine
starke Ausdehnung des Gewerbes mit sich brachte, von erheblicher
Vermehrung der Hausarbeit berichtet.
Die Tabakindustrie leitet zu jenen Hausgewerben über, deren
Beseitigung nicht sowohl im Interesse des Arbeiters als des
Verbrauchers wünschenswert ist — den Nahrungs -
und Genußmittelindustrien. Es ist viel zu wenig be
kannt, daß als Heimarbeit in großem Umfang Gemüse und Obst
für Konservenfabriken vorbereitet, Schokolade, Bouillonwürfel und
Bonbons verpackt, Mandeln abgezogen, ja daß Pfefferkuchen, Marzi-
panfigürchen, Heringssalat und Rollmops mit Remouladensaucc in
Küchen, Wohn- und Schlafstuben zubereitet werden, die sich jeg
licher Kontrolle entziehen. Hiergegen gibt es nur ein Radikalmittel
— gänzliches Verbot, für das die Sozialdemokratie jederzeit ein
getreten ist.
Da das Hausarbeitgesetz sich in erster Linie an den Haus
arbeiter wendet >und ohne seinen guten Willen und sein Verständ-
i) Gaebel, Die Heimarbeit, Jena 1913, S. 91 ff.