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Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.
Zollmauern erniedrigen oder sinken lassen muss, ist für den,
welcher die wirtschaftliche Lage der Nationen kennt, ohne
Zweifel, und ganz besonders hat neuerdings die amerikanische
Mac Kinley-Bill Zustände für die europäischen Länder ge
schaffen, welche die ernsteste Berücksichtigung erfordern.
Wie die Dinge sich nun einmal unter der kapitalistischen
Ordnung entwickelt haben, ist besonders unsere Industrie
auf den Export angewiesen, und da sie nicht warten kann,
bis die eigene Nation kauffähiger in ihren Mitgliedern wird,
so ist keine Frage, daß der Export nicht entbehrt werden
kann. Ganz besonders leiden auch unsere Industriellen so
wie die Arbeiter unter dem Schutzzollsysteme. Denn erstens
ist die Lebenshaltung der Arbeiter eine teurere, und zweitens
sind die Rohstoffe so im Preise gestiegen, daß eine Kon
kurrenz mit manchen Industrieländern aussichtslos ist. Die
Industrie ist so mächtig erstarkt und so konkurrenzfähig,
daß sie des Schutzes nicht mehr bedarf, den besonders
Pr. List für nötig hielt, und dessen Beseitigung die Industriellen
jetzt selbst fordern werden. Aber sie wird geschwächt durch
die Begünstigung, welche unter dem Schutzzoll die privaten
Inhaber des Erdbodens, als der Quelle aller Güter, genießen,
um ohne Arbeit ein Drohnenleben durch Steigerung der
Grundrente zu leben. Der Kern aller Zölle sind die Getreide
zölle, welche schon deswegen ungerecht sind, weil Deutsch
land auf den Import von Cerealien angewiesen ist, dagegen
Fabrikate austauschen muß. Die Beseitigung der autonomen
Zolltarife und die Rückkehr zu Zollvereinbarungen mit
anderen Ländern kann für Deutschland in der Weise ge
dacht werden, daß dieses zuerst mit einigen Ländern, welche
überschüssiges Getreide bauen, wie Österreich-Ungarn, Italien,
die Wege des Freihandels betritt. Wie es jenen Ver
günstigungen betreffs des Getreides gewährt, so würden
jene Länder niedrigere Zölle betreffs der Fabrikate gewähren.
So steht einer Ausfuhr Deutschlands nach Österreich an